Göttingen rief zu 100 Kilometer Straßenrennen.
Am 26.04.2026 war es wieder so weit: bei strahlendem Sonnenschein, aber empfindlich kühlen Temperaturen reihen wir uns ein und warten auf den Startschuss. Axel und T-Racer wie in den letzten Jahren im Startblock B, Ralf in Startblock A. Zwei Streckenänderungen aufgrund schlechter Fahrbahn, ein Teilnehmerrekord mit rund 6000 Fahrern und ein neues Startprozedere stehen bereits vor dem Rennen fest. Keine zeitlich versetzten Blockstarts mehr, stattdessen ein gemeinsamer Start mit kurzer neutralisierter Phase.

Es ist Ende April und wie üblich stehen T-Racer und ich am Start der Tour d´Energie in Göttingen. Es ist trocken und sonnig, aber morgens noch bitter kalt. Mein Rennrad war zugunsten des Gravelrads seit mehreren Monaten nicht im Gebrauch, also am Vortag nochmal Materialcheck und eine kleine Proberunde absolviert. Einzige Anpassung: Sattel ein paar Millimeter nach vorn.
Über 5000 Teilnehmer stehen am Start aufgeteilt auf eine 45km und eine 100km Runde. Wir fahren wie immer die 100er. Die ersten Kilometer neutralisiert und dann geht’s ab. Anfangs schaue ich gar nicht auf die Wattwerte am Tacho, weiß aber, dass ich zu häufig außerhalb der Komfortzone pedaliere. Die ersten 50 km klappt das ganz gut und bei dem Auf und Ab kann ich immer wieder den Windschatten von größeren Gruppen nutzen. Der T-Racer scheint heute gute Beine zu haben, er sieht recht locker aus, im Gegensatz zu mir. Ich muss schon einige Körner lassen, um nicht abzureißen und nur in einer längeren Abfahrt kann ich ihn mal überrollen.
Dieses Jahr geht es in Hemeln nicht rechts ab in den längeren Anstieg zum Brahmwald, sondern geradeaus. Jetzt geht’s bei mir mit Krämpfen in den Oberschenkeln los und ich muss T-Racer und die Gruppe ziehen lassen und den Druck deutlich reduzieren. Die Krämpfe sind beidseitig – Hüftbeuger, Quadrizeps – Versuche, den einen Muskel zu strecken, führt zum Krampf am anderen Ende des Oberschenkels. Wiegetritt ganz übel. Teilweise fühlt sich der Hüftbeuger an wie Beton.
Gruppe um Gruppe fährt an mir vorbei. Ich bin allein. Ich fahre mein Tempo. Ich lutsche Gels. Ich trinke viel in der Hoffnung, dass die Krämpfe sich lösen. Bald kommt der Hohe Hagen, denke ich mit Sorge. Wie soll ich die Kurbel da noch rum kriegen? Irgendwie schaffe ich es. Die Blöße abzusteigen will ich mir nicht geben. Es tut weh, die ganze Zeit. Die Stimmung am Hohen Hagen ist wie immer großartig, aber ich kann es nicht aufsaugen. Ich kämpfe im kleinsten Gang und komme oben an. Erstmal rollen lassen, vielleicht erholen sich die Beine. Pustekuchen, ich kann kein Tempo aufnehmen, um an eine Gruppe anzudocken. Die Oberschenkel zeigen mir den ausgestreckten Mittelfinger. Der Rest des Körpers hätte noch Kapazität. So gondel ich dahin und sehe die Gruppen teils mit Rückennummern aus Startblock I an mir vorbeiziehen. Wir sind aus Startblock B gestartet…
Die Gruppen sind nun auch nicht mehr so schnell und bei km 90 kann ich mich an einer Gruppe andocken. Zumindest für 5 km, den Rest musste ich dann einsam ins Ziel. Eine ganz neue Erfahrung. In Göttingen sind dann wieder viele Zuschauer an der Strecke. Ich wurde lautstark angefeuert. Gerne hätte ich die Anfeuerung noch aufgesogen und mit Vortrieb quittiert, so fahre ich nur locker mit dankesagendem Kopfnicken an den Leuten vorbei bis über die Ziellinie.
Meine Gedanken kreisten schon um das nächste Problem. Wie soll ich absteigen? Was sagen die Oberschenkel dazu? Wer die Zieleinfahrt kennt, weiß, dass hinter der Ziellinie die Straße verstopft ist von den ankommenden Radlern. Es geht also kein Weg daran vorbei. Ich muss runter vom Rad. Ich klicke aus, ich steige ab, oh ja, vorsichtig, ich spüre die Krämpfe und versuche sie auszubalancieren. Ich kann mich auf den Beinen halten. Aufpassen mit den Schritten. Es geht gerade so. Ich treffe den T-Racer, der mir ca. 15 Minuten voraus war. Ich selbst bin auch noch unter drei Stunden geblieben, aber die Strecke hatte dieses Jahr auch ca. 200Hm weniger.
Während des Rennens und auch danach habe ich mir die Frage gestellt, woran hat es gelegen? Ich kann nur spekulieren. Rad zu lange nicht gefahren und daher ungewohnte Position auf dem Rad? Zu wenig getrunken? Wahrscheinlich nicht. Falsch gefrühstückt? Ja vielleicht. Es gab Cornflakes, vielleicht hätte ich Salz ergänzen sollen. Schlechte Vorbereitung? Ja geht auf jeden Fall besser, aber die Oberschenkel waren nicht wie Brei, sondern wie Beton. Vielleicht hat es sich durch die einzelnen Aspekte potenziert. Zum Glück hatte ich am nächsten Tag keine Auswirkungen mehr.
Fazit. Dieses Jahr war anders. Sportlich nicht so erfolgreich, aber die Veranstaltung und das Wetter waren top und so war es irgendwie trotzdem schön.
Ich finde schnell meinen Rhythmus. Die Beine drehen gut, die Wattwerte sind hoch, ich fühle mich stark. Aufgrund unserer schlechten Positionierung dauert es jedoch, bis ich eine passende Gruppe finde, in der das Tempo für mich stimmt.
Die erste Abfahrt ist neu, kurvig und nicht ungefährlich. Schon in den ersten Kurven liegen Fahrer im Seitenstreifen. Ich versuche, die Bremse möglichst offen zu lassen und Vertrauen ins Rad zu haben. Mit dem neuen Aero-Reifen vorne läuft das Bike stabil, trotzdem werde ich überholt, überholt und noch einmal überholt. Alle, die ich zuvor an den kleinen Wellen bergauf distanziert habe, ziehen jetzt scheinbar mühelos an mir vorbei.
Obwohl ich mich eigentlich wohlfühle, kostet mich das den Anschluss. Am Ende der Abfahrt rolle ich allein auf die Bundesstraße. Also nehme ich kurz raus, warte – und werde schnell von einer starken Gruppe eingesammelt. Ich hänge mich dran, wir gehen gemeinsam über einen kurzen Anstieg und stürzen uns anschließend in die Abfahrt nach Hann. Münden. Letztes Jahr war das noch genau andersherum. In Hann. Münden fahre ich auf eine Gruppe auf – und treffe Axel. Überraschend, denn ich hatte ihn eigentlich hinter mir vermutet.
Es folgt das lange, flache Stück an der Weser bis Hemeln. Die Gruppe wächst immer weiter an. Statt wie üblich in den selektiven Anstieg Richtung Bramwald abzubiegen, geht es dieses Jahr wegen Bauarbeiten geradeaus weiter. Wir rollen in einen riesigen Pulk hinein.
Kurz darauf erreichen wir Dransfeld und damit den Hohen Hagen. Die Bergwertung fahre ich im Feld wie noch nie zuvor. Dichter Verkehr, wenig Platz, aber ich komme gut durch und biege oben in die kurvige Abfahrt ein. Normalerweise ist man hier allein unterwegs. Diesmal geht es im Feld bergab auf die letzten 25 Kilometer Richtung Ziel. Schnell, eng, nicht ganz ungefährlich – aber alles bleibt stabil.
Am Ende steht eine persönliche Bestzeit. Und das Wichtigste: sturzfrei durchgekommen.

Was für ein Event! Unglaublich, die Begeisterung für dieses Rennen ist einfach genial!
Da ich noch keine Zeiten bei einer der letztjährigen TDE vorzuweisen habe, bekomme ich Startplatz K zugewiesen. Will man aber zügig in einer schnellen Gruppe unterwegs sein, dann sollte man aus A oder zumindest aus B starten! Das Orga-Team lässt sich dann von mir und Olaf Nütsche überzeugen, dass wir einen vorderen Startplatz brauchen – Start also aus Block A!
Ein bisschen mulmig ist mir auf den ersten Kilometern schon, da ich bei meiner letzten Teilnahme schon nach 5 km mit nicht selbstverschuldetem Defekt (drei gebrochene Speichen) aufgeben musste!
Leider fehlt bei der geänderten Strecke diesmal ein langer Anstieg am Anfang, darum bilden sich große Gruppen. Im Windschatten ist das Tempo einfach, doch sobald man dran ist mit der Führung, wird es knüppelhart!
Der letzte Berg hat es dann nochmal in sich. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen! Es wird richtig aufs Pedal gedrückt, zumal auch noch eine extra Sprintwertung am Berg installiert wurde. Die Schnellsten ballern in unglaublicher Geschwindigkeit in knapp über 5 Minuten hinauf! Fahre auch am Anschlag, brauche aber 7:18 min… die müssen einen versteckten Motor haben, oder ich bin einfach schon zu alt.
