Juli 2026. Die Kita hat geschlossen. Meine Mädels beschließen, Urlaub im Bayerischen Wald zu machen. Auf einem Ferienbauernhof nahe Bodenmais.
Mir wird das Ganze schmackhaft gemacht, indem man mich auf den nahegelegenen Bikepark am Geißkopf hinweist. Dort könne ich schließlich schön Mountainbike fahren. Meine Interessenlage besteht allerdings überhaupt nicht darin, mich mit einem Lift auf einen Berg shutteln zu lassen, um anschließend auf künstlich angelegten Strecken wieder hinunterzufahren.
Gut… in Schladming mache ich das schließlich auch. Ja, aber anders. Und ehrlich gesagt nicht aus Begeisterung, sondern weil die Bikepark-Abfahrten Teil der Alpentour Trophy sind. Macht mir das Spaß? Ja, durchaus. Meine MTB-Saison 2026 ist allerdings bereits beendet. Mit der Rally di Romagna und der Alpentour Trophy habe ich meine Saisonziele erreicht.
Nun steht Ende August nur noch ein großes Ziel im Kalender: der Ötztaler Radmarathon. Ein Straßenrennen. Komplett anderer Untergrund, anderes Material, andere Anforderungen. Vom Mountainbike zurück aufs Rennrad. Also nutze ich die Woche im Bayerischen Wald für genau das, was ich brauche: lange Anstiege. Im Vorfeld informiere ich mich über die Möglichkeiten. Berge gibt es reichlich und Trainingsrunden mit vielen Höhenmetern lassen sich problemlos zusammenstellen. Trotzdem bin ich zunächst etwas skeptisch, ob das Revier meinen Erwartungen gerecht wird.
Am Samstagnachmittag erreichen wir unser Ziel. Die Sonne scheint, angenehme Temperaturen empfangen uns und auch die Gastgeber heißen uns herzlich willkommen. Der Bauernhof verfügt über zahlreiche Ferienwohnungen. Viele Familien mit kleineren Kindern sind bereits da. Frida findet innerhalb kürzester Zeit Anschluss und verschwindet auf Abenteuersuche.
Erste Ausfahrt
Am Sonntag steht zunächst eine lockere Eingewöhnungsrunde auf dem Plan. Gegend kennenlernen, Verkehr einschätzen und die Beine nach der rund sechsstündigen Autofahrt wieder in Bewegung bringen. Über verkehrsarme Straßen mit hervorragendem Asphalt fahre ich Richtung Großer Arber, dem höchsten Gipfel des Bayerischen Waldes.
Über Bodenmais geht es zunächst hinauf zum Bretterschachten auf rund 1.150 Metern Höhe. Knapp 500 Höhenmeter auf etwa sieben Kilometern. Teilweise mit bis zu zwölf Prozent Steigung. Anschließend weiter zum Arbersee und hinauf zum Brennes.
Die Landschaft überrascht mich. Wunderschön, abwechslungsreich und vor allem erstaunlich wenig Verkehr. Nach rund 60 Kilometern und 1.300 Höhenmetern bin ich wieder zurück. Die Beine fühlen sich noch schwer an. Die lange Autofahrt steckt mir noch in den Knochen. Trotzdem hinterlässt die Gegend einen richtig guten ersten Eindruck.
Vier Trainingseinheiten habe ich im Vorfeld mit der Familie abgestimmt. So bleibt genügend Zeit für gemeinsame Unternehmungen.
Runde zwei
Bereits am Montag folgt die zweite Ausfahrt. Bei angenehmen Temperaturen starte ich gegen 10:30 Uhr über Regen, Zwiesel und Bayerisch Eisenstein an der tschechischen Grenze. Von dort geht es über Brennes, Arber und Bretterschachten wieder Richtung Bodenmais. Diesmal allerdings in entgegengesetzter Richtung. Über kleine, nahezu verkehrsfreie Straßen erreiche ich Bayerisch Eisenstein. Dort wartet der erste längere Anstieg des Tages: rund 350 Höhenmeter auf sieben Kilometern. Lange, geschwungene Kurven, perfekter Asphalt und ein gleichmäßiger Rhythmus. Einfach herrlich zu fahren.
Nach 75 Kilometern und 1.300 Höhenmetern bin ich zurück und habe noch etwas Zeit für mich, bevor die Mädels von ihrer Wanderung heimkommen. Ich genieße die Ruhe in der großzügigen Ferienwohnung. Am Abend geht es mit Frida noch zum Reiten und anschließend in die Spielscheune, wo geklettert, getobt und gespielt wird.
Familienzeit
Dienstag und Mittwoch gehören komplett der Familie. Wir gehen wandern und besuchen den Baumwipfelpfad in St. Englmar und den Silberberg mit seiner Sommerrodelbahn und weiteren Attraktion in Bodenais. Tolle Erlebnisse und aus meiner Sicht eine klare Empfehlung.
Abends gibt es etwas Yoga und reichlich Kohlenhydrate. Nach den ersten beiden Trainingstagen kommen die beiden Ruhetage genau zur richtigen Zeit. Die Beine mussten bereits ordentlich arbeiten.
Ötztaler spezifisch
Schon vor der Reise hatte ich mir Gedanken gemacht, wie ich die Woche möglichst sinnvoll für den Ötztaler nutzen kann. Mein Ziel war es, die längeren Anstiege möglichst konstant zu fahren, sauber im Schwellenbereich zu arbeiten und diese Belastung mehrfach zu wiederholen. Genau das, was später auch im Rennen gefordert wird.
Am Donnerstag wird es deshalb deutlich berglastiger. Über eine größere Schleife fahre ich erneut nach Bodenmais und von dort auf den Bretterschachten. Rund 30 Minuten gleichmäßiges Bergpacing. Anschließend geht es über den Arbersee zum Brennes, hinunter nach Bayerisch Eisenstein, dort wenden und den bekannten Anstieg erneut mit konstantem Tempo hinauffahren. Danach rolle ich nach Regenhütte hinunter, drehe erneut und nehme den Bretterschachten diesmal von der Rückseite in Angriff. Wieder rund 500 Höhenmeter auf etwa 7,5 Kilometern. Für mich bedeutet das gut 33 Minuten Kletterzeit.
Damit habe ich drei längere Anstiege sauber im Schwellenbereich absolviert. Für mich war entscheidend, dass ich den dritten Anstieg genauso kontrolliert fahren konnte wie den ersten. Genau diese Ermüdungsresistenz braucht man beim Ötztaler.
Nach 90 Kilometern und 2.100 Höhenmetern komme ich zwar spürbar müde, aber bestens gelaunt an der Ferienwohnung an.
Zum Abschluss
Für Freitag steht noch eine letzte längere Runde an. Über Drachselsried fahre ich zunächst nach Arrach nahe der tschechischen Grenze. Ein wunderschöner Anstieg mit einer absoluten Weltklasse-Abfahrt. Danach geht es erneut hinauf zum Brennes, diesmal von der mir bislang unbekannten Seite. Anschließend hinunter nach Bayerisch Eisenstein, weiter nach Regenhütte und von dort noch einmal den langen Anstieg auf den Bretterschachten, bevor es über Bodenmais zurückgeht.
92 Kilometer und 1.900 Höhenmeter stehen am Ende auf dem Tacho. Diese Einheit fahre ich bewusst als Fahrtspiel. Mal etwas zügiger, mal entspannter. Einfach nach Gefühl. Damit summiert sich die Trainingswoche auf über 300 Kilometer und rund 6.600 Höhenmeter.
Fazit
Der Bayerische Wald hat mich positiv überrascht. Als Rennradrevier bietet die Region hervorragende Bedingungen. Wenig Verkehr, sehr guter Straßenbelag und zahlreiche längere Anstiege machen das Gebiet auch für ambitioniertes Training interessant.
Vorsichtshalber hatte ich auch mein Mountainbike dabei, genutzt habe ich es allerdings kein einziges Mal. Ich bin mir aber sicher, dass man dort auch abseits der Bikeparks am Geißkopf und Großen Arber hervorragende Mountainbike-Touren fahren kann.
Dazu kommen unzählige Freizeitmöglichkeiten für die ganze Familie. Wandern, Klettern, Badeseen, der Baumwipfelpfad, Sommerrodelbahnen oder Kanutouren auf dem Schwarzen Regen. Die Kombination aus Familienurlaub und anspruchsvollem Training funktioniert hier problemlos.
Auch wenn die Alpen für mich nach wie vor das Maß der Dinge sind, ist der Bayerische Wald eine echte Alternative. Die Anreise ist deutlich kürzer und vor allem wesentlich entspannter. Bei uns ist jeder auf seine Kosten gekommen.
Und ganz ehrlich: Eine Wiederholung im nächsten Jahr kann ich mir sehr gut vorstellen.







