Zwischen Fortschritt und Vollbremsung
Am 1. März habe ich ein Experiment begonnen
Nicht mit einem neuen Trainingsplan. Nicht mit mehr Umfang. Und ganz sicher nicht mit dem Ziel, möglichst schnell wieder leistungsfähig zu sein. Sondern mit etwas völlig anderem: Stabilitätstraining für mein gesamtes System. Heute, 28 Tage später, kann ich sagen: Dieses Experiment fühlt sich gleichzeitig sinnvoll, ungewohnt – und manchmal ziemlich frustrierend an.
Ein Trainingsplan, der eigentlich keiner ist
Seit Anfang März arbeite ich mit Basti von DYMANCE zusammen. Unser Ansatz nennt sich „Stabilität & Load-Tolerance Coaching“. Das bedeutet übersetzt: Wir trainieren nicht primär Leistung – wir trainieren Belastbarkeit. Der Unterschied ist größer, als ich gedacht habe.
Mein Alltag im Coaching sieht aktuell so aus:
- wöchentlicher Call
- täglicher Check-in
- Rückmeldung zu Energielevel
- Einschätzung von Brain Fog
- Bewertung von Stress
- Beobachtung der Nachwirkungen von Training
Es geht also nicht nur darum, was ich trainiere. Sondern vor allem darum, wie mein Körper darauf reagiert.


Das „Training“, das sich manchmal gar nicht nach Training anfühlt
Wenn ich ehrlich bin: Manchmal fühlt sich das Ganze eher nach Gesundheitsprogramm als nach Training an. Ein typischer Trainingsplan sieht aktuell ungefähr so aus:
- Spaziergänge
- kurze lockere Einheiten auf dem Rad
- Mobilität
- Core Stab
- Yoga
- extrem niedrige Herzfrequenzbereiche
Ich fahre inzwischen in Pulsbereichen Rad, bei denen ich früher vermutlich nicht einmal zum Bäcker gefahren wäre. Und genau da liegt eine der größten Erkenntnisse der ersten Wochen. Nach Bastis erster Analyse ist es gut möglich, dass ich über Jahre hinweg zu intensiv trainiert habe. Nicht zu viel Training im klassischen Sinn. Aber zu viel Intensität für ein System, das gleichzeitig viele andere Belastungen trägt.
Kleine Dinge werden plötzlich zu Erfolgen
Letzte Woche habe ich mich ehrlich gefreut, weil ich zweimal mit dem Rad zur Arbeit gefahren bin. Früher hätte ich das vermutlich nicht einmal als Training wahrgenommen. Am Tag danach habe ich sogar noch eine Power-Yoga-Einheit gemacht. In diesem Moment fühlte sich das wie Fortschritt an.
Und dann kam wieder die Vollbremsung
Seit zwei Tagen ist mein Körper wieder komplett im Rückwärtsgang. Extreme Erschöpfung – Muskelkater – Schwindel. Und seit gestern passiert etwas, das mich wieder sehr wachsam macht: Ich schlafe fast den ganzen Tag. Dazu kommen immer wieder kurze Phasen mit Herzrasen und Herzstolpern. Natürlich taucht sofort die Frage auf: Ist das wieder die Vagus-Nerv-Geschichte, die mich schon einmal so ausgebremst hat? Ich weiß es aktuell nicht. Was ich aber weiß: Genau solche Phasen gehören zu dem Prozess, auf den ich mich eingelassen habe.
Warum dieses Experiment trotzdem Sinn macht
Der Unterschied zu früher ist nicht, dass mein Körper gerade perfekt funktioniert. Der Unterschied ist, wie ich damit umgehe.
Früher hätte ich wahrscheinlich versucht:
- weiter zu trainieren
- die Symptome zu ignorieren
- „drüber zu gehen“
Heute passiert etwas anderes. Wir beobachten – Wir analysieren – Wir passen an
Ein Thema nach dem anderen:
- Regeneration
- Trainingsbelastung
- Stressmanagement
- Schlafqualität
- Ernährung
Nicht alles gleichzeitig – sondern strukturiert.
Wissen hilft – aber schützt nicht immer
In meinem Beruf begleite ich täglich Menschen bei schwierigen Prozessen. Ich analysiere – Ich strukturiere – Ich berate. Trotzdem merke ich gerade wieder: Wenn es um den eigenen Körper geht, ist es plötzlich viel komplizierter. Selbst wenn man weiß, was sinnvoll wäre, fällt es nicht immer leicht, es auch umzusetzen.
Geduld gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen – deswegen habe mich bewusst für dieses Coaching entschieden. Damals habe ich Basti geschrieben: Mein Fokus liegt darauf, belastbar und konstant zu werden – alles Weitere ergibt sich daraus.
Genau das ist der Punkt. Mein eigentliches Ziel ist nicht eine bestimmte Wattzahl. Mein Ziel ist Stabilität- die Fähigkeit, regelmäßig trainieren zu können, ohne dass mein System nach einigen Wochen wieder komplett abstürzt. Vielleicht bedeutet das auch, dass ich noch einmal ganz von vorne anfangen muss. Mit Pulsbereichen, die sich absurd langsam anfühlen. Mit Spaziergängen statt Intervallen. Mit Geduld statt Ehrgeiz.
Der schwierigste Teil: Vertrauen
Der schwierigste Teil an diesem Experiment ist nicht das Training. Der schwierigste Teil ist das Vertrauen. Vertrauen darauf, dass dieser langsame Weg langfristig schneller sein kann. Vertrauen darauf, dass mein Körper nicht kaputt ist. Sondern einfach gelernt hat, sehr früh auf Überlastung zu reagieren. Und vielleicht ist genau das gerade meine wichtigste Trainingsaufgabe. Nicht stärker werden – sondern wieder stabil werden.
Und der Traum bleibt trotzdem
Trotz allem ertappe ich mich immer wieder bei einem Gedanken. Der Traum ist noch da. Der Gedanke, im November gemeinsam mit Marc an der Startlinie zu stehen, lässt mich nicht los. Nicht als Druck. Eher als leiser Antrieb im Hintergrund. Ein Ziel, das gerade vielleicht noch weit weg ist – aber nicht verschwunden.
Ganz anders fühlt sich dagegen der Start am Wörthersee in zwei Wochen an. 136 Kilometer. Wenn ich ehrlich bin: Im Moment fühlt sich diese Distanz unfassbar weit weg an. So weit weg, dass ich gerade gar nicht wirklich darüber nachdenken möchte.
Zum Glück gibt es Menschen, die manchmal einen anderen Blick auf die Dinge haben. Rebecca hatte eine Idee: Warum nicht einfach die kurze Strecke fahren, die Landschaft genießen, Fotos machen und vielleicht sogar ein bisschen live teilen, wie es uns unterwegs geht? Nicht als Rennen – Nicht als Leistungsbeweis – Sondern einfach als Erlebnis. Ich weiß noch nicht, ob sich das für mich richtig anfühlt.
Denn ehrlich gesagt fällt mir eine Sache gerade besonders schwer: Ich bin es nicht gewohnt, am Rand zu stehen. Oder Dinge anders zu machen als geplant. Viele sagen dann schnell: „Nicht so viel analysieren. Einfach machen.“ Vielleicht stimmt das manchmal. Aber vielleicht ist genau dieses „einfach machen“ auch ein Teil der Geschichte, warum mein Körper irgendwann gesagt hat: Jetzt nicht mehr.
Vielleicht besteht meine Aufgabe gerade nicht darin, Dinge einfach zu machen. Sondern darin, sie anders zu machen. Langsamer – Aufmerksamer – mit mehr Respekt vor dem, was mein Körper mir zeigt.
Und vielleicht führt genau dieser Weg am Ende doch noch dahin, wo ich eigentlich hinmöchte. An eine Startlinie – Im November – Gemeinsam mit Marc.

Sehr wichtiger und ehrlicher Bericht.
Höher, schneller, weiter ist einfach… solange, bis ich merke, dass ich vergessen habe mich mitzunehmen.
Hab da so meine eigene Geschichte zu. ( gerne hören bei womantalkcycling Nr. 58)
Aber auch heute noch, immer wieder die schnellen großen Ziele überdenken… Keine Brechstange, durchatmen,
Spazierengehen, Yoga und viiiel Watt im untersten Bereich. Tatsächlich bleibt inzwischen mein Puls in Bereichen, die ich für Sport lange nicht als Erfolg genossen hätte.
Gute Entscheidung, kurze Strecke wählen oder auch was ganz anderes machen, ohne den Renntrubel 😉
Danke für deinen Bericht 🤗. Es grüßt dich, Barbara aus der Eifel
Liebe Barbara,
vielen Dank für deinen offenen Kommentar – der Satz „…bis ich merke, dass ich vergessen habe mich mitzunehmen“ trifft es wirklich auf den Punkt. Genau darum geht es bei mir gerade.
Spannend zu lesen, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast – gerade wenn man aus einer leistungsorientierten Ecke kommt, fühlt sich Training in sehr niedrigen Pulsbereichen erstmal ungewohnt an. Umso wertvoller ist es, von Menschen zu hören, die diesen Weg auch gegangen sind.
Den Podcast werde ich mir auf jeden Fall anhören. Und wenn du irgendwann Lust hast, deine Geschichte noch etwas ausführlicher zu erzählen, würde mich das sehr interessieren- gerne auch in einem unserer Podcasts 😊
Viele Grüße in die Eifel
Nicole