Mit dem Fully durchs Moor, durch Matsch und Hitze
Mein Nachbericht vom Raid des Hautes Fagnes: heiß, matschig, technisch anspruchsvoll und mit überraschend gutem Ergebnis trotz schlechtem Gefühl. Warum das Fully die richtige Wahl war.
Alte Liebe rostet nicht.
Sie knarzt höchstens am Tretlager. Manchmal schreibt das Rad die Geschichte schon vor dem Start. Mein modernes Racebike? Raus. Das alte Top Fuel? Rein.
Und während ich im Vorbericht noch halb romantisch, halb verzweifelt von „alter Liebe, neuem Kampf“ geschrieben habe, stand ich am Sonntag beim Raid des Hautes Fagnes ziemlich schnell vor der nüchternen Erkenntnis: Zum Glück. Zum Glück mit dem Fully. Denn wer hätte bei einem Ritt durch ein Moor schon mit Moor gerechnet? Ja gut. Alle vielleicht. Außer mir in meiner optimistischen Rennfahrer-Romantik.
Raid des Hautes Fagnes: Die spinnen, die Belgier
Es bleibt dabei: Die spinnen, die Belgier. Und ich meine das mit maximalem Respekt, leicht zitternden Unterarmen und einem breiten Grinsen im Gesicht.
Der Raid des Hautes Fagnes ist kein weichgespülter Waldautobahn-Marathon, bei dem man sich in Aero-Position durch die Landschaft schiebt und nebenbei überlegt, ob der nächste Riegel eher Banane oder salted caramel sein soll.

Nein. Das hier ist Mountainbike. Richtiges Mountainbike.
Matsch.
Wurzeln.
Steine.
Wasser.
Moor.
Kurze Rampen, die dir sagen: „Na, hast du heute schon an deinem Leben gezweifelt?“ Und Abfahrten, bei denen du entweder fährst oder diskutierst. Diskutieren verliert meistens.
Ich liebe das. Ich hasse das. Ich liebe es wieder.
Heiß, matschig, leer im Kopf
Das Wetter hatte ebenfalls Humor. Es war heiß. Nicht dieses angenehme „Sommer, Sonne, gute Beine“-heiß. Eher dieses „Warum fühlt sich mein Helm wie ein Schnellkochtopf an?“-heiß.
Gleichzeitig war der Boden stellenweise genau das Gegenteil: nass, tief, klebrig. Der Matsch hing am Reifen, am Rahmen, an den Beinen. Und irgendwann auch im Kopf. Jeder Tritt fühlte sich an, als würde jemand heimlich hinten am Sattel ziehen.
Ich habe mich schlecht gefühlt. Wirklich schlecht. Nicht dramatisch schlecht. Kein „Ich steige jetzt aus und werde Boule-Spieler“-schlecht. Aber dieses zähe, undankbare Renngefühl, bei dem die Beine nicht richtig antworten und der Kopf anfängt, komische Fragen zu stellen.
Warum mache ich das?
Warum nicht einfach Café?
Warum nicht Gravel?
Warum überhaupt Startnummern?
Und dann kommt wieder so ein technischer Abschnitt. Ein Bachlauf. Ein Waldstück. Eine Linie, die nur für eine Sekunde sichtbar ist. Vorderrad leicht, Blick nach vorne, locker bleiben. Oder so tun als ob.
Plötzlich ist da wieder dieses Gefühl. Genau deswegen.
Das Fully war keine Notlösung. Es war die Rettung. Im Vorfeld hätte ich mein Top Fuel eher als Ersatzlösung gesehen. Oldschool-Waffe. Treuer Begleiter. Ein Bike mit Geschichten, Narben und wahrscheinlich mehr Rennerfahrung als manche meiner frischen Ausreden.
Aber auf dieser Strecke war das Fully Gold wert.
In den schnellen, ruppigen Passagen hat es mir Körner gespart. In den technischen Abschnitten hat es Fehler verziehen. In den matschigen, ausgewaschenen Linien hat es genau das gemacht, was ein gutes Mountainbike machen soll: Ruhe reinbringen, wenn der Fahrer innerlich gerade Excel-Tabellen mit Ausstiegsszenarien erstellt.
Hardtail? Wäre gegangen. Aber Spaß? Weniger. Überleben? Vermutlich. Würde? Fraglich.
Das Top Fuel und ich, wir haben uns wieder zusammengerauft. Alte Liebe rostet nicht. Sie spritzt nur ordentlich mit Moorwasser.
Ergebnis besser als das Gefühl
Das Verrückte: Am Ende war das Ergebnis in Relation besser, als ich es unterwegs empfunden habe. Noch verrückter: Verglichen mit früheren Starts, bei denen ich nachweislich in Topform war, sieht das Resultat sogar ziemlich ordentlich aus. Vielleicht nicht nach außen spektakulär. Aber intern? Für mich? Ein kleiner Aha-Moment.
Ich habe mich schlecht gefühlt, aber bin solide gefahren.
Ich war nicht frisch, aber stabil.
Ich hatte nicht diesen „Heute fliege ich“-Tag, aber ich bin drangeblieben. Und das ist manchmal mehr wert als ein einzelner Sahnetag.
Mein Trainer war zufrieden. Und wenn der Trainer zufrieden ist, darf der innere Kritiker kurz die Klappe halten. Kurz. Sehr kurz. Wir kennen ihn ja.
Technisch wie immer: Mega Spaß
Was beim Raid des Hautes Fagnes bleibt, ist diese Mischung aus körperlichem Abriss und kindlicher Freude. Du ballerst durch Wasser, hörst das Spritzen am Unterrohr, spürst den Dreck an den Waden und denkst dir: Das ist komplett bescheuert. Und geil.

Die Strecke war technisch wie immer ein Brett. Nicht übertrieben künstlich, nicht auf Show gemacht, sondern ehrlich. Natur, Gelände, belgische Direktheit. Da wird nichts glattgezogen. Da wird gefahren. Und genau das macht dieses Rennen aus.
Man kommt nicht nur mit einer Zielzeit nach Hause. Man kommt mit Bildern im Kopf zurück: Sonnenstrahlen zwischen Bäumen, Matschfontänen, brennende Oberschenkel, kurze Gespräche unterwegs, dieses gemeinsame Kopfnicken unter Leidensgenossen. Jeder weiß: Wir sind hier gerade freiwillig in einem Moor unterwegs. Im Renntempo. Natürlich.
Fazit: Raid des Hautes Fagnes, du alter Wahnsinn
Ich bin müde nach Hause gekommen. Dreckig. Durchgekocht. Zufrieden. Nicht, weil alles perfekt lief. Sondern weil es genau das nicht tat. Weil ich mit schlechtem Gefühl trotzdem durchgezogen habe. Weil das alte Bike abgeliefert hat. Weil die Strecke wieder gezeigt hat, warum Mountainbike mehr ist als Wattwerte, Reifendruck und Trainingspläne.
Es ist Kampf. Spiel. Zweifel. Linie suchen. Fehler machen. Wieder antreten. Weiterfahren.
Und ja: Beim nächsten Mal stehe ich wahrscheinlich wieder da. Mit Respekt. Mit Vorfreude. Und vermutlich mit der Frage, ob ich genug Ersatzlager eingepackt habe.
Raid des Hautes Fagnes, es bleibt dabei: Die spinnen, die Belgier. Aber genau deshalb komme ich wieder.
