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Irgendwo im Nirgendwo zwischen Parma und Mailand liegt der kleine, pittoreske Ort Salsomaggiore Terme. Zwischen den Ruinen ehemaliger Grand Hotels, die zu Hauf in der Blütezeit des Ortes um die Jahrhundertwende entstanden sind, und den sehr schön erhaltenen und gepflegten Bauten rund um die zentral gelegene, pompöse Therme stehen wir, die Abgesandten von Coffee & Chainrings, am Samstagnachmittag bei brütender Hitze in der Startaufstellung zum Prolog der Rally di Romagna.

Ralf und Reini mit dem Vorderrad quasi auf der Startlinie. Björn, Marcus und ich etwas dahinter im vorderen Mittelfeld.

Der Streckensprecher redet laut und unverständlich auf Italienisch. Sein „Kommandante“ übersetzt ins Englische, allerdings mit starkem französischem Dialekt. Ich verstehe nur so viel wie: „Follow the black plate with the red arrow.“ Trotz aller Anspannung treibt uns der lustige Dialekt ein leises Lächeln ins Gesicht. Wir werden diesen Satz fortan täglich hören, wobei sich nur die Farbe des „Plates“ verändert.

Die Strecken sind gut ausgeschildert. Die Landschaft besteht aus sanften, grasigen Hügeln und ist hier und da von Wäldern durchzogen. Auf den ersten Blick ein wunderschöner Anblick. Was auf uns Fahrer zukommt, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Prolog

Am Samstag steht der Prolog auf dem Programm: 22 Kilometer und 650 Höhenmeter.

Nach dem Startschuss fahren wir neutralisiert, begleitet von Führungsmotorrädern, aus der Stadt hinaus. Nach einigen Kilometern wird das Rennen freigegeben. Es geht sofort bergauf. Erst etwas Asphalt, dann Schotter, Wiesenwege und schließlich hinein in den kleinen Bikepark. Eng, steil und bei brutaler Hitze. Eigentlich brauche ich nur einen Gang: den leichtest möglichen.

Nach kurzen 1:25 Stunden komme ich völlig fertig ins Ziel. In der Ergebnisliste finde ich mich schneller wieder, wenn ich von hinten anfange zu lesen. Obwohl ich persönliche Bestwerte gefahren bin, lande ich auf einem der hinteren Plätze.

Puh. Was für ein Auftakt.

Etappe 2

Die erste Etappe markiert mit knapp 60 Kilometern und 2.300 Höhenmetern direkt die Königsetappe. Motiviert und gespannt stehen wir wieder in der Startaufstellung. Ab jetzt starten wir jeden Tag pünktlich um 09:00 Uhr morgens. Es ist warm, aber angenehm.

Heute folgen wir den blauen Schildern mit dem roten Pfeil.

Nachdem wir diesmal in die andere Richtung neutralisiert aus der Stadt geführt wurden, geht es wieder abartig steil los. Wir folgen abwechslungsreichen Wegen, kleinen Trails durch Wälder und Wiesen, und es macht richtig Spaß. Bis … ja, bis wir in der Mittagshitze dem heutigen Scharfrichter begegnen. Rund 500 Höhenmeter Steilanstieg auf losem Schotter, völlig sonnenexponiert. Wir werden förmlich im Anstieg gekocht.

Ich muss schieben. Es geht nicht anders. Nach ein paar Schritten steige ich wieder auf und zwinge meine Beine zum Treten. Im Schleichgang kämpfe ich mich den steilen Anstieg hinauf. Ich überhole hier und da schattensuchende Mitstreiter und werde dabei von einer lästigen Kameradrohne verfolgt. Irgendwann erklimme ich den Gipfel und es folgt eine der besten Singletrail-Abfahrten, die ich je gefahren bin.

Im Dreiertrain mit anderen Teilnehmern jagen wir die flowigen, aber nicht zu unterschätzenden Trails eine gefühlte Ewigkeit hinunter.

Am Fuße des Berges ist die Hälfte der Etappe geschafft. Es folgt der lange Rückweg auf schönen Pfaden und über brutal steile Anstiege. Nach 4:36 Stunden habe ich es endlich geschafft. Einer der anstrengendsten Tage, die ich jemals auf dem Bike erlebt habe.

Etappe 3

Die dritte Etappe versprach rein von den Daten her etwas mildere Bedingungen: 55 Kilometer und 1.800 Höhenmeter.

Wir folgen den weißen Schildern mit dem roten Pfeil.

Direkt nach dem Start spüre ich bereits sehr starke Rückenschmerzen. In der Nacht zuvor hatte sich das schon angekündigt. Es sollte der mental härteste Tag jemals auf dem Bike für mich werden. Die Beine sind nicht in der Lage, Leistung zu bringen. Jeder Tritt wird sofort vom Rücken mit Schmerz quittiert. So stark, dass sich der Gedanke des Aufgebens in meinen Kopf einschleicht langsam aber mit Nachdruck.

Glücklicherweise bin ich äußerst stur. So leicht falle ich nicht um! Marcus fährt bei mir, aber ich kann sein Tempo nicht halten. Jeder einzelne Tritt muss konzentriert gesetzt werden. In den Abfahrten bloß keine falsche Bewegung. Schieben macht es allerdings auch nicht besser.

Gegen Ende der Etappe, an die ich mich ehrlich gesagt streckentechnisch kaum noch erinnern kann, hole ich Marcus wieder ein. Wir fahren ein Stück gemeinsam, bis ich ihn erneut ziehen lassen muss.

Nach knapp vier Stunden Qual erreiche ich das Ziel. Eigentlich gar nicht so schlecht. Ich verschwinde schnell in meinem Hotelzimmer und beginne mit meiner Behandlung. Seit der Bike Transalp 2023 weiß ich, was zu tun ist, wenn die Hexe zusticht.

Etappe 4

Das Streckenprofil verheißt eine anspruchsvolle Etappe. „Nur“ 42 Kilometer und 1.600 Höhenmeter. Aufgeteilt auf sieben Anstiege, die im Höhenprofil rot markiert sind. Wir wissen inzwischen, was das bedeutet: steiles Gelände. Entsprechend respektvoll begegnen wir dem Tag und stehen leicht angespannt in der Startaufstellung.

Wir folgen den gelben Schildern mit dem roten Pfeil.

Mein Rücken? Unauffällig. Es geht zunächst fünf Kilometer neutralisiert hinter den Motorrädern aus der Stadt heraus und leicht ansteigend auf Asphalt los. Ich ordne mich recht weit vorne im Pulk ein. Ralf ist in Sicht. Reini auch. Der heutige Ablauf kommt mir sehr entgegen. Ich kann die Neutralisation nutzen, um mich ordentlich warmzufahren. Trotz hoher Wattwerte komme ich gut zurecht. Der Rücken hält.

Kurz, nur wenige Meter vor dem Ende der neutralen Phase, stürzen zwei Fahrer unmittelbar vor mir. Glücklicherweise gelingt es allen, ohne weitere Schäden auszuweichen und direkt in den ersten rotsteilen Anstieg zu fahren.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt: Es geht auf wunderbaren Wegen, Trails und Pfaden ständig auf und ab. Es macht unglaublich viel Spaß, die Leistung ist voll da und der Rücken hält.

Für mich insgesamt die beste Etappe von allen. Der Streckenverlauf und die sieben Berge liegen mir einfach. Nach 3:09 Stunden erreiche ich das Ziel. Heute nehme ich mir wieder etwas mehr Zeit für die Pastaparty und die tollen Gespräche mit anderen Teilnehmern im Zielbereich.

Etappe 5

Letzter Tag. Die Temperaturen haben sich etwas abgekühlt. Der angekündigte Regen ist ausgeblieben. 36 Kilometer, 1.250 Höhenmeter.

„Follow the green plate with the red arrow!“ – Ein letztes Mal spricht der Kommandante zu uns.

Im Stil der letzten Tage fahre ich die Etappe mit all der Energie, die noch vorhanden ist. Inzwischen kennen wir das Gelände recht gut. Viele Trails wiederholen sich, gleichzeitig sorgen neue Pfade für ausreichend Abwechslung. Die Konzentration ist hoch, wir müssen jederzeit wachsam bleiben.

Nach 2:25 Stunden ist die Rally di Romagna für mich vorbei. Ich habe das Ziel erreicht.

Fazit

Die Rally di Romagna ist ein kleines, sehr feines Mountainbike-Rennen. Die Veranstalter geben sich viel Mühe und haben eine technisch wie konditionell äußerst anspruchsvolle Strecke konzipiert, die auf den ersten Blick gar nicht danach aussieht, was sie tatsächlich ist.

Ursprünglich hatte ich geplant, die Rally als Trainingsrennen zu fahren. Doch bereits während des Prologs wurde mir klar, dass ich hier All-in gehen muss. Ein kleines, aber starkes Fahrerfeld von rund 120 Teilnehmern war deutlich überschaubarer als erwartet. Vermutlich war genau das einer der Gründe, warum die Atmosphäre so familiär war. Ich bin mit vielen Fahrern ins Gespräch gekommen und der Austausch war immer interessant und herzlich.

Besonders erstaunlich fand ich, wie viele Teilnehmer uns als Coffee & Chainrings über den Podcast kannten und uns angesprochen haben. Das freut mich natürlich ganz besonders.

Von mir gibt es daher eine klare Empfehlung: Die Rally di Romagna lohnt sich!

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