Das Andalusien Bike Race ist mein erstes Rennen im neuen Jahr!
Die Voraussetzungen sind allerdings etwas anders als die Jahre zuvor. Die Cyclocross-Saison ging gerade auf die Zielgerade zu, die Rennen liefen wie am Schnürchen und zur DM wäre ich top fit gewesen – wenn da nicht der blöde Sturz gewesen wäre. Auf einer schnellen Abfahrt bin ich zu übermütig gewesen, weggerutscht und auf einer Steinkante gelandet. Der Oberschenkel war in zwei Teile zerbrochen…
Im Krankenhaus hämmerte man mir zwei Stifte in den Knochen und fixierte zusätzlich noch mit einer Schraube. Ich sagte dem Chirurgen noch, dass er alles so richten muss, dass ich in drei Wochen bei der DM wieder an der Startlinie stehen kann. Sein Gesichtsausdruck hätte mir aber gleich sagen müssen, dass das nicht klappen wird.
Nach einer Woche brachte das Rote Kreuz mich und mein Auto im Liegend-Transport nach Hause. An Krücken konnte ich schon wieder ganz gut durch die Gegend humpeln und die Reha brachte mich auch ein ganzes Stück weiter. Mittlerweile waren dann aber schon 6 Wochen vorbei. Auf dem Heimtrainer war ich fleißig, nur nach draußen traute ich mich noch nicht. Auf Schnee und Eis war die Gefahr eines weiteren Sturzes einfach noch viel zu hoch!
Nach verstrichenen 7 Wochen wagte ich schließlich doch den ersten Ausflug nach draußen, auf der Straße und mit deutlich angepassten Tempo. Dann endlich die erste MTB-Fahrt. Auf dem Rad fühlt sich alles gut an, beim Gehen humple ich aber immer noch.
Jetzt sitze ich im ICE auf dem Weg zum Flughafen
Das Andalusien Bike Race ruft. Meinen Partner Martin hatte ich informiert, dass ich höchstwahrscheinlich keine 100 % leisten kann. Seine Antwort: „schon okay, dann halt 110 %“. Habe mir Protektorhosen gekauft und Sabine versprochen vorsichtig zu sein. Sollte halt nicht schneller fahren als die Schutzengel fliegen können! Der Zug hat bereits 20 Minuten Verspätung – sind die Schutzengel etwa schon aktiv?


Die DB spuckt mich aber noch locker rechtzeitig am Frankfurter Flughafen aus, wo mich der Dutyfreeshop magisch anzieht. Erst teste ich einen Wodka mit Honig-Birnen-Flavor und gerate dann an einen Schotten (glaube ich zu mindestens). Er scheint etwas gelangweilt und freut sich sichtlich, mir seinen sündhaft teuren Whisky schmackhaft zu machen. Die Flasche leert sich zusehends und mittlerweile verstehe ich auch sein Schottisch. Meine Einwände, dass ich meinen Flieger noch finden muss, scheinen ihn nicht zu stören. Sowas habe ich noch nicht erlebt, denn normalerweise muss man um jedes Nachschenken betteln. Ich kann mich gerade noch rechtzeitig loseisen!
Samstag, 21.02.
Erste Testfahrt auf den Trails oberhalb der Alhambra erfolgreich absolviert. Der Kopf steht mir zwar noch im Weg, aber ich glaube dass das noch besser wird. In steilen Anstiegen schiebe ich lieber, da ich fürchte, dass ich nicht schnell genug aus den Pedalen komme. Gleiches gilt für steile Abfahrten.




Sonntag, 22.02.
Heute Höhenakklimatisierung! Fahren eine Runde zu den Stauseen und sehen, warum die erste Etappe abgesagt wurde: das ganze Tal sieht katastrophal aus, Autos und Wohnwagen stecken noch tief im Schlamm!




Montag, 23.02.
Erste Ernst-Probe: Besichtigung der Zeitfahrstrecke.
Zeitfahrstrecke, das hört sich an wie flach auf dem Lenker zu liegen und kräftig auf die Pedale zu drücken. Dem ist aber bei weitem nicht so! Martin tritt schon bei der Zufahrt zum Start kräftig rein und ich kann nur mit Mühe und Not dranbleiben. Als wir den Startpunkt erreichen, geht es gleich in die Trails mit Haarnadelkurven, steilen Anstiegen, ausgewaschenen Pfaden, Rockgarden und vielem mehr – absolut Crosscountry-würdig! Die 16km haben es echt in sich!
Als wir das Hotel wieder erreichen, fühle ich mich, als hätten wir schon drei Etappen hinter uns.


Dienstag, 24.02.
Der Spaß ist vorbei, heute geht es im Renntempo über die Zeitfahrstrecke!
Um 10:40 Uhr geht’s von der Rampe runter und wir lassen es ordentlich krachen! Überholen Teams in unser Kategorie und werden in den Anstiegen von schnelleren überholt, der Schweiß läuft in Strömen. Die Wattkurbel hätte ich besser nicht mehr angebaut und den Pulsmesser besser auch abgeschnallt…
Völlig erschöpft erreichen wir das Ziel. Jetzt kommt die entscheidende Frage: Ist Martin zufrieden und bin ich es selber auch? Für mich kann ich mit einem klaren Ja antworten (zwar weiß ich noch nicht wie ich morgen wieder aufs Rad soll, aber das ist ja erst morgen). Martin ist auch mit mir zufrieden! Er hat wohl gesehen, das ich alles gegeben habe.
Im Hotel dürfen wir noch duschen und dann geht’s ab nach Jaén in unser Luxushotel (Burghotel) oberhalb der Stadt – das haben wir uns auch verdient!




Mittwoch, 25.02.
Heute kam es härter als gedacht!
Erst neutralisierter Start mit Ziehharmonika-Effekt und dann ein schier unendlicher Anstieg! Oben angekommen wird es für mich aber noch schlimmer, denn es folgt eine steile Abfahrt mit Millionen aus dem Boden ragenden dicken spitzen Steinen. Der Kopf sagt, da willst du nicht runter, der Rennmodus aber sagt lass laufen. Als es zu steil wird, muss ich aber doch mal vom Rad.
Es folgen weitere steile technische Abfahrten und zum Ende wird es zu allem Überfluss auch bergauf nochmal ziemlich steil. Fix und fertig im Ziel angekommen!
PS: In den Abfahrten hat sich Martin sicherlich gelangweilt. Als Schweizer ist er technisch ziemlich gut und ich habe ja immer noch ein klein bisschen ein Kopf-Problem.




Donnerstag, 26.02.
Dritte Etappe! Wieder in Jaén.
Heute geht es gleich einen relativ kleinen Anstieg hoch, direkt an unserem Hotel vorbei! Da hätten wir gar nicht zum Start runter fahren müssen, sondern uns nur einfach am Hotel einreihen müssen. Aber sowas macht man natürlich nicht – und es gibt ja auch noch die Überwachungsmatten für die Zeitmessung!
Auf dem GPX-Track sahen die ersten 18km ziemlich flach aus. Doch viele kleine steile Abschnitte machen uns das Leben schwer und dann kommt ja noch der lange Anstieg zum Grad. Martin hilft mir wo er kann, und trotzdem bin ich ziemlich froh oben anzukommen.
Den folgenden Trail habe ich in schlechter Erinnerung, denn da hatte ich, als ich ihn mit Martin 2023 schon mal gefahren bin, einen Platten, der sich partout nicht flicken lassen wollte, wir mussten ständig nachpumpen. Diesmal läuft es besser, kein Platten und eine rasante Abfahrt dem Ziel entgegen!
Bin völlig am Ende, sogar das Ausfahren mit Minimum Watt fällt mir schwer.
Freitag, 27.02.
Königsetappe
Der Akku ist schon vor dem Rennen leer, wie soll das bloß gutgehen!? Meine Garmin-Uhr nennt einen Wert von 1 zur Trainingsbereitschaft – sonst ist der immer zwischen 50 – 98. Ist es ein Messfehler, oder ist mein Akku wirklich absolut leer?
Die ersten 12km sind flach, was mir bei meinem Gewicht entgegenkommt. Dann geht’s in die Anstiege. Gar nicht so extrem lang, aber immer wieder kurze Passagen, die man (ich) nur unter Aufwendung aller Kraft raufkommt.
Nach 35km schleift plötzlich was an meinem Rad, aber es ist kein Stock zu sehen. Halte also an und dann sehe ich das Problem: die Hinterbau-Achse schaut schon 3cm zur Seite raus… Gott sei Dank habe ich sie nicht verloren! Also Achse anziehen und weiter geht’s! Aber es kommt noch schlimmer, ich verliere meine absenkbare Sattelstütze! Aber auch die lässt sich nach dem Zusammenschrauben wieder befestigen!
Nach 45km geht dann fast gar nichts mehr… Martin hilft, wo er kann! Aber da sind ja auch noch die verblockten Trails, wo ich auf mich allein gestellt bin.
Als wir endlich das Ziel erreichen, falle ich fast um… wie das morgen mit den 40km klappen soll, weiß ich noch nicht! Vielleicht kommt ja die Zauberfee vorbei und haucht mir Leben ein?
Samstag, 28.02.
Die letzten 40km stehen uns bevor!
Nach kurzer neutralisierter Phase geht es in die Trails – leider wollen alle gleichzeitig hinein und schon kommt es zu einem Stau, genauso wie im letzten Jahr. Es folgen die megasteilen kurzen Anstiege. Mal schaffe ich es, mal muss ich schieben. Man wird zwar frenetisch angefeuert, doch mein Kopf macht mir manchmal einen Strich durch die Rechnung. Es könnte ja passieren, dass ich es nicht schaffe und dann wie ein Stinkkäfer umfalle… und dann bestimmt noch auf die falsche Seite! Beim Laufen bin ich aber leider auch noch nicht der Schnellste und Humpelbein will auch noch nicht so wie ich…
Als wir dem Ziel näher kommen, denke ich jetzt noch 15km sturzfrei, dann nur noch 10, dann 5 und dann ist es auch schon geschafft. Überlebt, heile und gesund! Wir waren halt langsam genug, sodass die Schutzengel Zeit genug hatten.

