Oder: Wie man mit knapp 120 Kilo, überschaubarer Vorbereitung und einer ordentlichen Portion Optimismus einen Halbmarathon finisht.
Eigentlich wollte ich Euch ja monatlich mit einem kleinen Update zu meinem sportlichen Neustart versorgen. Eigentlich. Der letzte Beitrag stammt aus dem Juni. Inzwischen haben wir Ende Oktober. Das mit der Regelmäßigkeit beim Bloggen hat also ungefähr so gut funktioniert wie mein ursprünglicher Trainingsplan. Aber dazu später mehr.
Immerhin gibt es diesmal tatsächlich etwas zu erzählen. Von stagnierendem Gewicht, über Enduco als Trainingsapp, drei Wochen Zwangspause und einem Halbmarathon, bei dem ich zwar ziemlich weit hinten gelandet bin, aber trotzdem mit einem breiten Grinsen nach Hause gefahren bin.
A tremendous success. Maybe the greatest comeback ever.
Zumindest, wenn man mich fragt.
119 Kilogramm. Still standing. Fangen wir mit der Waage an. Im März waren es noch 126 Kilogramm. Im Juni hatte ich mich auf 119 Kilogramm heruntergearbeitet.
Und heute? 119 Kilogramm. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Aber im Grunde ist seitdem nicht mehr viel passiert. Das ist einerseits erfreulich, weil ich das reduzierte Gewicht halten konnte. Andererseits ernüchternd, denn eigentlich wollte ich längst ein gutes Stück weiter sein.
Auch Wegovy, meine Abnehmspritze, hat daran zuletzt wenig geändert. Der anfänglich beeindruckende Effekt auf meinen Hunger und den ständigen Food Noise war für mich eine völlig neue und hilfreiche Erfahrung. Aber beim Gewicht hat sich inzwischen ein Plateau eingestellt und auch die Wirkung spürbar nachgelassen. Ich vermute, daher das ich die Dosis erhöhen müsste, um wieder einen stärkeren Effekt zu erzielen. Allerdings würde damit auch der monatliche Preis von rund 300 auf 375 Euro steigen. Und ganz ehrlich: Da ist bei mir, bei dem überschaubaren Ergebnis, persönlich die Schmerzgrenze erreicht.
Ich habe jetzt noch Medikamente für etwa zwei Monate und werde die Behandlung danach voraussichtlich nicht weiter fortsetzen. Vielleicht ist das auch der richtige Zeitpunkt, um zu sehen, wie gut die inzwischen veränderten Gewohnheiten ohne diese Unterstützung funktionieren.
Mich würde übrigens interessieren: Hat jemand von Euch ähnliche Erfahrungen mit Wegovy oder anderen Abnehmspritzen gemacht? Erst ein deutlicher Effekt und dann Stillstand? Wie seid Ihr damit umgegangen?
Denn eines ist klar: An meiner Ernährung muss ich weiterhin arbeiten. Und das unabhängig davon, ob ich Medikamente nehme oder nicht.
Eine ziemlich bekloppte Idee
Sportlich war ich trotz allem weiterhin motiviert. Und irgendwann kam mir die Idee, mich für den 24. Röntgenlauf anzumelden. Nicht für irgendeine kleine Feierabendrunde. Nein. Für den Halbmarathon. 21,1 Kilometer durch das Bergische Land, mit ordentlich Höhenmetern und einem Streckenprofil, das mit einem klassischen flachen Straßenhalbmarathon nicht viel gemeinsam hat.

Dabei habe ich mit dem Röntgenlauf bereits eine gemeinsame Vergangenheit. 2002 bin ich dort mit 17 den Halbmarathon in 1:52 Stunden gelaufen. 2013 folgte dann der Marathon in 4:47 Stunden, damals ebenfalls, nach Lehrbuch, mit viel zu wenig Laufkilometern, aber bombastischer Grundlagenausdauer vom Radsport. Beides Zeiten, die aus heutiger Sicht ungefähr so realistisch erscheinen wie ein Gesamtsieg bei der nächsten MTB-Weltmeisterschaft.
Aber warum eigentlich nicht? Meine sportliche Bilanz für 2026 war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls beeindruckend schlecht. Weniger als 200 Laufkilometer im gesamten Jahr. Dazu gerade einmal rund 300 Kilometer auf dem Rad.
Also habe ich mir ein realistisches Ziel gesetzt: Ankommen.
Und wenn es richtig gut läuft, vielleicht sogar unter drei Stunden. Keine Bestzeit. Kein Kampf um Platzierungen. Einfach wieder an einer Startlinie stehen, eine anspruchsvolle Strecke bewältigen und im Ziel zufrieden sein.
Enduco – endlich wieder Training mit Plan
Bis zum Röntgenlauf blieben noch rund zehn Wochen. Aus meiner Erfahrung heraus war das nicht unmöglich. Vorausgesetzt natürlich, ich würde die verbleibende Zeit vernünftig nutzen.
Also habe ich mich nach einer Trainingslösung umgesehen und bin erneut bei Enduco gelandet, nachdem ich vor einigen Jahren bereits sehr gute Ergebnisse mit dem KI-Trainer erreicht habe. Die App erstellt individuelle Trainingspläne auf Grundlage der eigenen Ziele, des Leistungsniveaus und der verfügbaren Trainingszeit. Statt einfach irgendeinen Standardplan abzuarbeiten, bekommt man strukturierte Einheiten, die sich am persönlichen Trainingsfortschritt und der eigenen STRAVA-Historie orientieren.
Ich weiß zwar aus vielen Jahren Ausdauersport grundsätzlich, wie Training funktioniert. Aber zwischen theoretischem Wissen und einem konsequent umgesetzten Trainingsplan liegen manchmal Welten. Und ich wollte diesmal bewusst nicht den Fehler machen, mich an meinem früheren Leistungsvermögen zu orientieren.
Also das kostenpflichtige Abo abgeschlossen, den Halbmarathon als Ziel hinterlegt und losgelegt.
Und tatsächlich: Die ersten Wochen liefen richtig gut.
Die Einheiten waren nachvollziehbar aufgebaut, die Belastungssteuerung fühlte sich passend an und ich hatte endlich wieder das Gefühl, zielgerichtet zu trainieren. Das ist übrigens keine Werbung. Ich bezahle mein Abo ganz normal selbst. Und Enduco gefällt mir bisher wirklich gut.
Drei Wochen Pause. Perfect timing!
Es hätte so schön sein können. Die erste Hälfte der Vorbereitung lief ordentlich. Die Motivation war da, der Trainingsplan funktionierte und die Zuversicht wuchs mit der spürbaren Leistungsfähigkeit.
Dann kam eine heftige Erkältung. Und die blieb. Drei Wochen lang war an vernünftiges Training nicht zu denken.
Drei Wochen Trainingspause in einer ohnehin nur zehnwöchigen Vorbereitung.
Fantastic. Really fantastic. Nobody plans a race preparation like this.
Als ich endlich wieder einigermaßen fit war, blieb gerade noch Zeit für einen längeren Lauf über 14 Kilometer.
Der funktionierte überraschend ordentlich und gab mir zumindest etwas Zuversicht zurück. Allerdings hatte dieser Long Run nur rund 200 Höhenmeter. Beim Röntgenlauf warteten dagegen nicht nur gut sieben Kilometer mehr, sondern mit rund 405 Höhenmetern auch noch die doppelte Portion Kletterei auf mich. Eine ziemlich ordentliche Steigerung für jemanden, dessen Trainingsvorbereitung gerade drei Wochen Zwangspause hinter sich hatte.
Great preparation. Probably the best preparation in history.
Also stand für mich fest: Ich werde starten. Die Drei-Stunden-Marke war unter diesen Voraussetzungen allerdings alles andere als sicher. Und dann kam noch Hendrik ins Spiel. Wenige Tage vor dem Rennen konnte ich meinen Kollegen und erfahrenen Ultramarathonläufer überzeugen, ebenfalls mitzulaufen. Damit war endgültig klar: Gedrückt wird nicht. Wobei das für mich ohnehin keine wirkliche Option gewesen wäre.
25.10. 08:30 Uhr. Der Spaß beginnt.
Die Wetterprognose für den Renntag war alles andere als berauschend. Regen, aufgeweichte Wege, Schlamm.
Also eigentlich perfektes Wetter für jemanden, der aus dem Mountainbikesport kommt und dessen Spitzname zeitweise Pfützenfreak war. Und tatsächlich hatten wir mit dem Wetter noch mehr Glück. Pünktlich zum Start um 08:30 Uhr hörte es auf zu regnen, es blieb aber bewölkt und windig.
Hendrik verabschiedete sich direkt am ersten Anstieg mit einem kameradschaftlichen Handshake in Richtung Ziel und ich begann mein ganz persönliches Rennen.
Meine Strategie war von Anfang an klar: Steigungen konsequent gehen. Im Flachen und bergab möglichst durchlaufen.
Klingt wenig ambitioniert, war für mich aber genau die richtige Entscheidung. Mit knapp 120 Kilogramm Körpergewicht ist schließlich auch langsames Laufen keine ganz entspannte Angelegenheit. Die Muskulatur muss bei jedem Schritt ordentlich arbeiten und die Gesamtbelastung ist entsprechend hoch.
Dazu hatte ich mir eine Ernährungsstrategie zurechtgelegt. Alle 45 Minuten ein Energieriegel. Gerade bei meinem Gewicht und der langen Belastungsdauer wollte ich unbedingt vermeiden, irgendwann komplett ohne Energie dazustehen. Der berüchtigte Hungerast ist schließlich kein besonders angenehmer Partner bei einem Wettkampf.


Überholen? Erst einmal nicht.
Die ersten Kilometer waren eine interessante Erfahrung. Gefühlt haben mich bis Kilometer elf Mitläufer ausschließlich überholt. Ich habe mich davon aber nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mein Ziel war schließlich nicht, die ersten zehn Kilometer möglichst schnell zu laufen und danach irgendwo im Wald zu verenden. Mein Ziel war das Finish.
Und dann kamen die technischen Bergabpassagen.
Plötzlich änderte sich das Bild. Auf schlammigen, glitschigen und teilweise ziemlich aufgeweichten Trails konnte ich überraschend viele Läufer wieder einholen. Da zeigte sich dann doch, dass 25 Jahre Erfahrung auf dem Mountainbike und zu Fuß im Gelände nicht völlig verschwunden sind. Wer überwiegend auf Asphalt oder flachen Wegen unterwegs ist, tut sich auf solchen Passagen naturgemäß etwas schwerer.
Mir fiel es dagegen leicht, den Untergrund zu lesen, die richtige Linie zu finden und mich sicher bergab zu bewegen. Nicht, weil ich besonders schnell oder fit gewesen wäre. Sondern weil diese Bewegungsabläufe über viele Jahre einfach in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Some people say I have the best downhill skills. Tremendous downhill skills. Okay. Vielleicht ein kleines bisschen übertrieben. Aber Spaß gemacht hat es!
Willkommen am Ende des Feldes
Irgendwann nach der Streckenhälfte hatte sich das Feld dann weitgehend sortiert. Ich befand mich inzwischen ungefähr auf Höhe der „Bergischen Run-Kugel“ und einiger Damen im besten, fortgeschrittenen Alter, die ebenfalls ihren ganz persönlichen Kampf mit der Strecke führten.
Und wisst Ihr was? Das war überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil. Hier hinten im Feld herrscht eine ganz andere Atmosphäre als dort, wo um Platzierungen und Bestzeiten gekämpft wird. Man motiviert sich gegenseitig. Man freut sich über jeden Kilometer. Man leidet gemeinsam an den Anstiegen. Und irgendwann zählt eigentlich nur noch, dass alle möglichst gut ins Ziel kommen. Da geht es nicht darum, unbedingt vor der Run-Kugel zu finishen. Da geht es darum, überhaupt zu finishen. Eine Erfahrung, die ich tatsächlich ziemlich sympathisch finde.

2:55 Stunden. Mission accomplished.
Nach 21,1 Kilometern war es dann endlich so weit. Die Ziellinie. Die Uhr blieb bei genau 2 Stunden 55 Minuten und 5 Sekunden stehen. Unter drei Stunden!
Mein heimliches Wunschziel war erreicht.
Ich war erschöpft, die Beine waren müde und ich gehörte zu den letzten Finishern des Halbmarathons. Aber ich war, nein bin es noch immer, zu 100 Prozent zufrieden. Ich freue mich darüber, dass ich nach all den Rückschlägen, dem Übergewicht, den Rückenproblemen und der ziemlich bescheidenen Vorbereitung wieder einen Halbmarathon geschafft habe. Nicht schnell. Nicht elegant. Aber mit Plan, Disziplin und einer ordentlichen Portion Sturheit.
A huge victory. Everybody is talking about it.
Na ja. Zumindest ich. 😉
Und jetzt?
Das Gewicht stagniert und die Ernährung ist weiterhin eine Baustelle. Die Trainingskonstanz könnte besser sein. Und meine sportliche Leistungsfähigkeit ist noch weit von dem entfernt, was ich einmal gewohnt war. Aber ich habe wieder Lust auf Wettkämpfe. Und Trail. Richtig Lust sogar.
Die nächsten Laufveranstaltungen sind bereits sondiert und ich möchte das strukturierte Training mit Enduco fortsetzen. Vielleicht bekomme ich es ja auch hin, wieder regelmäßig auf dem Mountainbike zu sitzen. Denn eines hat mir dieser Röntgenlauf noch einmal deutlich gezeigt: Es ist völlig egal, ob man vorne, in der Mitte oder ganz hinten im Feld unterwegs ist. Sport und Wettkampf können unglaublich viel Freude machen. Und manchmal ist ein Halbmarathon in 2:55 Stunden persönlich eben ein größerer Erfolg als einer in 1:52 Stunden.
Ich hoffe, dass ich bis zum nächsten Blogbeitrag nicht wieder vier Monate brauche. Aber versprechen werde ich lieber nichts. Keep Riding!
