Vier Jahre nach meiner letzten Teilnahme stehe ich zum 6. Mal in Sölden an der Startlinie des Ötzi. Nicht wie geplant mit Axel, der aufgrund seiner Diabetes-Diagnose keine Chance hatte zu trainieren, sondern mit Marc, der sehr, sehr kurzfristig für Axel eingesprungen ist.

Drei Jahre habe ich mich vergeblich beworben und hatte kein Losglück. Im vierten Jahr war mir der Startplatz nun sicher. Vier Jahre Zeit, in der Erinnerungen verblassen. Gut, wenn man sich bleibende Erinnerungen in Form von Blogbeiträgen schafft oder seine Erlebnisse in anderen Medien niederschreibt. Kurz vor dem Start habe ich darauf zurückgegriffen.

So stand in meinem Strava-Eintrag meiner letzten Ötzi-Teilnahme:

Länger, aber dafür mehr Höhenmeter.
Wetter trocken, bisschen warm mit angenehmer Frische.
Beine erst gut, dann besser und schließlich nicht mehr zu spüren.
Also wie immer eigentlich. Die Frage, ob ich es wieder tue?!
Antwort vertagt.

Daraus lässt sich deuten, dass es hart war. Denn gewöhnlich lege ich mich recht schnell fest, ob ich ein Event wiederhole oder nicht. Hier war die Antwort auf diese Frage offen.

Die Vorbereitung

Ich habe mich jedenfalls nach der Alpentour Trophy im Juni sehr akribisch auf den Ötzi vorbereitet. Die Form war bereits bei der Alpentour Trophy sehr gut und ich musste eigentlich nur weiterführen, was ich bereits begonnen hatte. Lediglich der Systemwechsel vom Mountainbike auf das Rennrad war nötig. Den gesamten Juli und August habe ich spezifisch Umfänge und Anstiege trainiert, lange Ausfahrten mit Intervallen absolviert und sehr gute Trainingswerte erreicht.

Ich wollte dieses Mal nicht einfach nur teilnehmen und finishen, sondern hatte mir ein Zeitziel definiert. Sub 10 hatte ich mir vorgenommen und entsprechend trainiert. Ein herausforderndes, aber erreichbares und realistisches Ziel. Ich war topfit und hochmotiviert. Absolut sicher, dieses Ziel erreichen zu können.

Der Rückschlag

Dann kam der Dienstag vor dem Ötzi. Eine schwere Zahnoperation, bei der ich über vier Stunden im Behandlungsstuhl gesessen habe, sorgte abends für eine ordentliche Immunantwort des Körpers. Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und eine nahezu schlaflose Nacht folgten. Die Tage darauf fühlte ich mich angeschlagen wie bei einem Infekt. Die HRV fiel in den Keller und die Vitaldaten meiner Uhr zeigten weitere schlechte Werte. An Training war nicht mehr zu denken. Ich bin trotzdem nach Sölden gefahren und habe darauf vertraut, dass mein Körper den Infekt verarbeitet.

Die Aktivierungsfahrt am Samstag ließ ich besonders locker angehen. Es fühlte sich okay an. Nur okay. Ich hatte immer noch dieses leichte Hitzegefühl und der Ruhepuls war leicht erhöht.

Am Morgen des Rennens war das alles verschwunden. Überhaupt kein Krankheitsgefühl mehr. Die HRV war hoch, die Ruheherzfrequenz lag nachts bei 45 Schlägen pro Minute, also völlig normal.

Der Start

Ich stehe mit Marc im Startblock. Es ist angenehm warm. Aufgrund der guten Bedingungen sind fast alle Starter schon früh im Startblock und wir müssen uns sehr weit hinten einreihen. Wir genießen die Ruhe, sprechen uns Mut zu und warten auf den Startschuss.

Pünktlich um 06:30 Uhr hören wir den Knall der Kanone. Es sollte noch zehn Minuten dauern, bis auch wir uns langsam in Bewegung setzen.

Dann beginnt der Ötztaler. Die rasante Abfahrt nach Ötz. Ich sehe wie Marc zittert. Vor Aufregung oder vor Kälte ist nicht ganz klar. Hohe Geschwindigkeiten, Fahrbahnteiler, der ein oder andere Sturz. Wir kommen nach 38 Minuten zufrieden in Ötz unbeschadet an.

Kühtai

Auf geht’s nach Kühtai. Unspektakulär im Wald aufwärts. Zunächst ohne Möglichkeit des Überholens fahren wir dicht gedrängt der Sonne entgegen. Meter für Meter gewinnt die Straße an Höhe, wir schrauben uns kraftvoll aber kontrolliert nach oben und irgendwo vor uns wartet der erste große Pass.

Oben werden wir empfangen wie in Alpe d’Huez. Menschenmassen stehen Spalier und feuern uns an. Die riesigen Kuhglocken dröhnen heute noch in meinen Ohren. Eine unfassbar schöne Stimmung.

Blauer Himmel. Sonnenaufgang. Für einen kurzen Moment ist es schwer vorstellbar, dass dieser Tag noch mehr als 200 Kilometer und tausende Höhenmeter für uns bereithält.

An der Labestation schnell Wasser auffüllen und weiter.

Blick auf die Uhr. Bestzeit: 2:08 h. Ich fühle mich stark. Marc hat bereits gewartet und gemeinsam stürzen wir uns in die Abfahrt Richtung Kematen.

Richtung Brenner

Ich fahre schnell, habe Vertrauen in mich und mein Fahrrad. Der Conti Aero 111 führt das Vorderrad sauber durch den Fahrtwind. Es läuft stabil.

Über die Weidegatter vor und hinter den beiden Galerien müssen wir aufpassen. Ein Fahrer wird gerade mit dem RTW abtransportiert. Ordner mahnen durch Flaggen und Handbewegungen zur Vorsicht.

Ruckzuck sausen wir in Kematen um die Kurve und es geht flach nach Innsbruck. Marc tritt an, ich hinterher.
Zunächst sind wir zu zweit und erreichen recht schnell eine Gruppe. Ich leiste meinen Beitrag an der Führungsarbeit, bis Marc mich darauf aufmerksam macht, dass wir nicht alleine sind. Ich drehe mich um und stelle fest, dass wir mindestens 20 Personen im Schlepptau haben. Ich lasse mich ans Ende zurückfallen, um Kräfte zu sparen.

Es läuft. Wir fahren in den Brenneranstieg an der Skisprungschanze am Berg Isel vorbei. Bis eine Gruppe steht, investieren wir etwas Energie, können dann aber mitrollen. Dennoch bleibt es sehr unrhythmisch.

Am Ende steht eine sehr gute Zeit für den Brenner. Bis auf wenige Sekunden die gleiche Zeit wie 2022 für diesen Abschnitt.

Aber ich bemerke eine leichte Schwere auf den letzten Metern über die Kuppe. Noch nehme ich sie nicht ernst. An der Labestation schnell Wasser auffüllen, Carbs beimischen und schon geht es rasant weiter in die Abfahrt bis Sterzing. Marc führt die Gruppe an, ich rolle am Ende entspannt mit.

Der Jaufenpass

In Gasteig nehmen wir den kurzen Zwischenanstieg flüssig, mit viel Energie und kommen dann wieder auf die Straße Richtung Jaufenpass. Mir schwant beim Antritt nach der kurzen Abfahrt bereits, dass es schwer werden könnte. Marc kann ich nicht mehr halten. Ich rolle locker Richtung Anstieg.

Tja. Und dann war mein Ötztaler quasi beendet, bevor er richtig angefangen hat.

Ich predige immer wieder: „Der Ötztaler fängt erst in St. Leonhard an!“ Trotz meiner Erfahrung aus den vorhergegangenen Teilnahmen passiert mir nun dass, wovor ich immer warne. Nicht zu früh zu viel investieren. Das rächt sich am Timmelsjoch doppelt und dreifach.

Bereits am Einstieg des Jaufenpass´ ging bei mir nichts mehr. Ich bin komplett geplatzt. Zwischen 150 und 180 Watt waren mir noch möglich zu treten. Was bei der Steigung am Jaufen bedeutet, dass man einstellige km/h-Werte fährt.

Einhergehend damit waren unglaublich starke Schmerzen in der Oberschenkelmuskulatur. Eindeutiges Zeichen dafür, dass ich keine Energie mehr habe. Konzentriert, Tritt für Tritt, habe ich mich zur Labestation gequält. Dort Getränke aufgefüllt, Carbs beigemischt, mich verpflegt und dann die letzten Serpentinen hoch zur Passhöhe. Ich sollte allein am Jaufen knapp 15 Minuten langsamer sein als bei meinen vorherigen Teilnahmen.

Der Traum von Sub 10 war damit ausgeträumt.

Das Timmelsjoch

Ich habe gehofft, mich auf der langen Abfahrt etwas zu erholen, um am Timmelsjoch nicht wieder völlig kraftlos agieren zu müssen. Leider hat mir mein Körper bei dieser Teilnahme nichts geschenkt. Jetzt war der Kopf gefordert, mentale Stärke, um nicht rechts rann zu fahren und auf den Besenwagen zu warten.

Um jeden Tritt kämpfen. Konzentrieren, kämpfen. Um mich herum keine Aussicht, den Blick nur nach Innen gerichtet, nur Dunkelheit, Tunnel, Konzentration. Nicht aufhören zu treten! Immer weiter, zusammenreißen, los! Bereits in den flacheren Abschnitten vor Moos war es schwer. Es sollte dann steiler werden, meine Trittfrequenz sank teilweise auf 45 U/min und die ersten Krampfansätze zeigten sich.

Irgendwie bin ich bis zum Flachstück auf etwa der Hälfte gekommen. Bis dahin habe ich zweimal kurz für etwa eine Minute pausiert, weil einfach nichts mehr möglich war.

Auf dem Flachstück habe ich meinen linken Schuh ausgezogen, weil sich auch noch Fußbrand eingestellt hatte. Bis zur Labestation in Schönau bin ich so langsam, aber stetig weitergefahren. Dort habe ich den Schuh wieder angezogen, meine Flaschen aufgefüllt und mich auf die letzten 650 Höhenmeter in die finalen Kehren des Timmelsjochs begeben. Dort habe ich noch zweimal für jeweils etwa eine Minute pausiert und bin dann nach 1:15 h ab Schönau gerechnet oben angekommen.

Meine Fahrzeit betrug bis dahin bereits 10:12 h. Also weit hinter meinem Ziel Sub 10 zurück. Die Hoffnung, noch meine Bestzeit von 10:23 h zu toppen, war damit auch endgültig erledigt. Das Rennen, das ich mir über Monate aufgebaut hatte, war längst ein anderes geworden.

Die letzten Kilometer

Es folgte die Hochgeschwindigkeitsabfahrt bis zum letzten kleinen Anstieg zur Mautstation. 92 km/h sollte ich erreichen. Die 120 Höhenmeter zur Mautstation bin ich irgendwie hinaufgefahren, um anschließend im Pulk die Abfahrt nach Zwieselstein hinunter zu preschen. Das hat richtig Spaß gemacht. Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl, warum man solche Rennen überhaupt fährt.

Bei 10:49 h bin ich im Ziel.

Die Analyse

Der Ötztaler hat mir mit voller Härte gezeigt, was er ist. Viel zu früh waren meine Energiereserven aufgebraucht
Rückblickend habe ich intensiv analysiert, woran es gelegen haben könnte.

Was gut gelaufen ist, war die Verpflegungsstrategie.

90 Gramm Carbs in den Flaschen und zusätzlich jede Stunde ein 30-g- beziehungsweise ein 50-g-Gel, sodass ich ca. 90 Gramm je Stunde an Kohlenhydraten zu mir genommen habe. Insgesamt komme ich auf ca. 900 Gramm Kohlenhydrate in Form von Getränk und Gel. Der Magen hat das problemlos mitgemacht.

Das Training im Vorfeld war sehr gut.

Ich denke, ich habe gut, ausreichend und spezifisch trainiert. Habe Höchstwerte erreicht und konnte diverse Bestzeiten im Training erreichen. Dabei habe ich mich stets frisch und kraftvoll gefühlt.

Warum also der Einbruch nach fünf Stunden am Jaufenpass?

Mehrere Gründe. Etwas zu viel Führungsarbeit zwischen Kematen und Innsbruck. Nur ein kleiner Baustein im Gesamtsystem aber sicherlich Teilhaber am späteren Crash. Ich vermute, dass der äußerst unrhythmische Brennerpass mir zu viel Energie geraubt hat. Die Werte sind zwar am Ende genau im Rahmen, dennoch war zu viel Variabilität im Leistungsoutput, als bei einem sauber gefahrenen Schwellenabschnitt, wodurch mehr Energie beansprucht worden ist.

Der Infekt durch die Zahnoperation hat die Gesamtkapazität des Körpers vermutlich limitiert, obwohl ich symptomfrei am Start war.

Für fünf Stunden hat die Leistung gereicht. Und dann war die Reserve aufgebraucht. Beides in Kombination hat dafür gesorgt, dass mein Rennen am Jaufen eigentlich bereits vorbei gewesen ist.

Warum tue ich mir das eigentlich an?

Und natürlich stellt man sich in so einem Moment auch die Sinnfrage. Monatelang trainiert, geplant, vorbereitet. Ein Ziel gesetzt. Und dann sitzt man irgendwann am Jaufenpass auf dem Rad und kämpft um jeden einzelnen Tritt.

Die Frage nach dem Sinn war da. Der Gedanke ans Aufgeben allerdings nicht. Zu keinem Zeitpunkt. Ich wollte ins Ziel. Egal wie lange es dauern würde. Also bin ich weitergefahren. Tritt für Tritt, Pass für Pass, bis irgendwann auch das Timmelsjoch hinter mir lag und nur noch die Abfahrt nach Sölden wartete.

Und wieder?

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen. Die Analyse ist abgeschlossen und ich habe meine Schlüsse gezogen.
Der Ötztaler ist eine fantastische Veranstaltung für Breiten- und Amateursportler.

Ich werde mich definitiv am Start der Anmeldung am 01.01.27 für die Verlosung einschreiben und möchte den Ötztaler wieder fahren! Der Faszination, welche von diesem Event ausgeht, kann ich mich nicht entziehen und werde weiterhin für einen Start brennen.

Vielleicht braucht es manchmal genau diese Tage, an denen der Körper seine Grenzen zeigt, um zu verstehen, warum man wiederkommen möchte. Der Ötztaler hat mir dieses Jahr seine Zähne gezeigt. Beim nächsten Mal möchte ich ihm wieder in die Augen sehen.

Ich werde vorbereitet sein.

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