55 Kilometer. 2.200 Höhenmeter. Dolomiten. Und irgendwann einfach keine Kraft mehr.
Aber von vorne. Klar war, dass einige Leute aus unserem Verein zum World Cup nach Italien fahren würden. Also war für mich natürlich klar: Da fahre ich mit! Ich wusste auch, dass es verschiedene Strecken gibt. Deshalb war ich eigentlich ganz entspannt. Ich war davon ausgegangen, dass es – wie im letzten Jahr – auch wieder die „Easy“-Strecke mit ca. 42 Kilometern und etwa 1.500 Höhenmetern geben würde. Die traute ich mir zu.
Vor Ort kam dann allerdings die Überraschung: Nö. Gibt’s nicht. Dieses Jahr hieß es für mich: 55 Kilometer und 2.200 Höhenmeter. Na toll. Also erst einmal kurz den Trainer gefragt. Seine Antwort? „Jo. Mach das mal.“

Gut. Dann mache ich das mal. Trotzdem habe ich bis kurz vor Schluss mit mir gehadert. Aber irgendwann habe ich mich vor Ort entschieden: Ich ziehe die Anmeldung durch. Und damit war es dann auch offiziell.
Eine Strecke, die alles fordert
55 Kilometer und 2.200 Höhenmeter klingen schon auf dem Papier ordentlich. Die Strecke selbst hat dann noch einmal gezeigt, was diese Zahlen tatsächlich bedeuten. Die Anstiege waren richtig fordernd, teilweise brutal steil. Die Trails technisch anspruchsvoll und die Abfahrten definitiv nicht zu unterschätzen.
Und das Verrückte: Es gab kaum Stellen, an denen man sich wirklich erholen konnte. Die Geraden waren entweder Wiese mit Schlamm, matschiger Untergrund oder Schotter mit teilweise ziemlich großen Steinen. Ich kann mich tatsächlich an keine Passage erinnern, bei der ich dachte: „Ach schön, hier kann ich jetzt mal locker rollen.“ Irgendwas war immer.
Aber genau das machte die Strecke auch so besonders: technisch, abwechslungsreich, landschaftlich wunderschön – und verdammt anspruchsvoll. Für mich war es definitiv das härteste Rennen, das ich bisher gefahren bin. Mental und körperlich. Und trotzdem hatte ich mega Spaß.

Und dann treffe ich Tim
Irgendwann auf einer Abfahrt kam ein Moment, der mir noch einmal richtig Motivation gegeben hat. Ich war gerade dabei, Fahrer von der langen Strecke vorbeizulassen, als ich Tim getroffen habe. Er hat mir Mut gemacht – und genau das konnte ich in diesem Moment gebrauchen. Ich konnte ein ganzes Stück hinter ihm den Trail hinunterfahren und plötzlich war dieses Gefühl wieder da: Komm, Nicole. Du kannst das.
Und damit war auch wieder dieser Satz in meinem Kopf, den T-Racer mir schon so oft gesagt hat: „Dein Rad kann das.“ Dieser Satz begleitet mich inzwischen fast schon auf jedem technischen Trail. Also weiter.

Und dann kam mein persönliches „AAAAAAH!“
Und irgendwann kam dieser Downhill. Ich war inzwischen einfach komplett leer. Vor allem meine Arme und Hände machten nicht mehr wirklich mit. Die Hände krampften immer mehr, die Kraft in den Armen war fast weg. Und irgendwann wurde das Bremsen dadurch nahezu unmöglich. Ich konnte mich kaum noch auf dem Rad halten. Das war also kein besonders eleganter Downhill mehr. Das war eher: Augen zu und irgendwie durch. Links und rechts standen italienische Männer an der Strecke und ließen mich vorbei. Die hatten schon längst beschlossen, dass Schieben gerade die bessere Variante ist.
Und dann kam es: „AAAAAAAH!“
Das kam völlig ungeplant aus meinem Mund und ließ sich genauso wenig kontrollieren wie mein Fahrrad. Ich musste danach selbst über mich lachen. Na ja – zumindest solange mein Rad und ich noch derselben Meinung waren.
Der letzte Downhill und der Stein
Ganz zum Schluss hatte die Strecke dann allerdings noch eine kleine Überraschung für mich. In einer letzten Abfahrt platzierte ich meinen Lenker leider etwas zu nah an einem großen Stein, der seitlich aus einer Wand herausragte. Der Stein war stärker. Ich landete auf dem Boden. Nichts Dramatisches – aber mein Knie hatte anschließend eine etwas innigere Beziehung zum Untergrund.
Und damit begann mein ungefähr zehnminütiger Aufenthalt beim fürsorglichsten Sanitäter Italiens. Er wollte unbedingt mein Knie mit einem Pflaster versorgen. Das Problem: Mein Knie wollte das Pflaster nicht. Der erste Versuch hielt nicht. Der zweite Versuch hielt ebenfalls nicht. Ich erklärte ihm, dass ich jetzt wirklich weiter müsste und es mir gut gehe. Mit vielen italienischen Worten ließ er mich doch eher unfreiwillig wieder aufs Rad.
Und dann war das Ziel endlich in Sicht
Irgendwann hatte ich wirklich keine Kraft mehr. Also wurde gefahren, wo es ging, und geschoben, wo es nicht mehr ging. Und irgendwann war sie da: die Ziellinie. Elf Frauen sind ins Ziel gekommen. Ich war die Letzte davon. Und ganz ehrlich? Ich bin stolz wie Bolle. Nicht wegen der Platzierung, sondern weil diese Strecke mich wirklich gefordert hat und ich trotzdem bis zum Ende drangeblieben bin. Die Medaille bekommt deshalb einen Ehrenplatz.
Und diesmal hatte es sogar Vorteile, ein bisschen langsamer zu sein: Marc war schon im Ziel. Er konnte ein Zielfoto von mir machen. Und ich habe mich riesig gefreut, ihn dort zu sehen.

Was für eine Veranstaltung!
Die gesamte Veranstaltung war einfach wundervoll. Das Wetter hat mitgespielt, die Aussicht war perfekt und die Menschen waren durchweg freundlich und hilfsbereit – auch wenn ich sie meistens nicht verstanden habe. Für mich war die Mythos Classic eine rundum gelungene Veranstaltung. Wer ambitioniertes Mountainbiken liebt und eine echte Herausforderung sucht, sollte dieses Rennen definitiv einmal fahren. Vielleicht kommen wir wieder.
Und ich fahre mit einem richtig guten Gefühl nach Hause. Ein neuer FTP-Wert, monatelanges Training, eine verdammt anspruchsvolle Strecke gemeistert und vor allem: wieder neuen Mut gefasst. Ich glaube, ich bin auf einem richtig guten Weg.
Und wenn T-Racer wieder sagt: „Dein Rad kann das.“, dann glaube ich ihm vielleicht inzwischen ein kleines bisschen mehr
