Ein Anruf, eine kurze Telefonkette, Familienrat, Rücksprache mit der Arbeit und zack: Tim, Marc, Mr. Wade und ich saßen im Auto und düsten Richtung Nauders.

Mark Schneider, uns als Streckenchef bekannt von diversen Bike Transalps, hatte kurzfristig angefragt, ob wir bei den Golden Gravel Days Ende September dabei sein könnten. Ein kleines Event zum Saisonausklang, das wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten.

Im Gepäck: etwas für uns eher Ungewöhnliches. Unsere Gravelbikes.

Denn die Region rund um Nauders und den Reschenpass ist für vieles bekannt, aber nicht unbedingt als erste Adresse für Gravelbiker. Bislang galt sie vor allem als Enduroparadies mit den 3-Länder-Endurotrails. Auch als Rennraddestination hat sich die Region u. a. mit dem Dreiländergiro längst einen Namen gemacht. Und nicht zu vergessen: Cross-Country und Marathon, nicht zuletzt durch diverse Etappen der Bike Transalp.

Aber Gravel …? Das galt es für uns herauszufinden!

Bereits am Freitagnachmittag nach unserer Ankunft sattelten Mr. Wade und ich auf und machten uns auf den Weg Richtung Schöneben. Über die uns bestens bekannten Strecken ging es hinauf zum Reschenpass. Unser Plan: oben auf die breiten Schotterwege wechseln, entspannt Richtung See hinunterrollen und die Region aus einer neuen Perspektive kennenlernen. Soweit die Theorie.

Das Mountainbikeherz in uns schlug allerdings schneller als der Verstand. Kaum bot sich die Gelegenheit, bogen wir auf einen grün markierten Trail ab. Was sollte schon schiefgehen? Nun ja. Man kann so etwas mit einem Gravelbike machen. Die Frage ist nur, ob man es auch machen sollte. Schon nach den ersten Metern war klar: Wie geil wäre das jetzt mit einem Mountainbike gewesen! Statt Flow gab es vorsichtiges Herantasten, statt Fahrspaß eher kontrolliertes Zittern. Sitzposition, Lenkerform, Bremshebel und die schmalen Reifen sorgten zuverlässig dafür, dass sich unsere Trailambitionen in Grenzen hielten.

Wir kamen unten an. Abseits solcher Ausflüge machte das Graveln auf den breiten Wegen durchaus Spaß. Aber die erste Erkenntnis des Wochenendes war bereits gewonnen: Nur weil ein Weg mit dem Gravelbike befahrbar ist, muss er noch lange nicht dafür gemacht sein. Und nur weil ein Mountainbiker einen Trail sieht, heißt das nicht, dass er ihn mit jedem Rad unter sich fahren sollte. Lektion gelernt!

Am Samstag stand dann eine ordentliche Gravelrunde auf dem Programm.

Nach dem Frühstück zogen wir zu viert los, begleitet von Peter Schermann und Leo aus München. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg Richtung Bergkastel. Stellenweise entpuppte sich der Anstieg als ziemlich ambitioniertes Kletterprogramm. Steile Wege und die im Vergleich zum Mountainbike begrenzte Übersetzungsbandbreite sorgten für dicke Backen und ordentlich Laktat in den Oberschenkeln.

Oben angekommen, ging es über den bekannten Plamorttrail durch die Panzersperren zum Fotofelsen hoch über dem Reschensee. Bei strahlendem Sonnenschein genossen wir die Aussicht und die angenehmen Temperaturen. Ein Fotograf begleitete uns und nutzte den spektakulären Spot für ein paar schöne Erinnerungsbilder.

Anschließend rollten wir auf einem Schotterweg hinunter nach Reschen, den einige von uns bereits von diversen Transalp-Etappen kannten. Allerdings diesmal deutlich vorsichtiger und langsamer als gewohnt. Die Kurven wurden mit Bedacht genommen, die Reifen nicht unnötig herausgefordert und alle kamen unbeschadet unten an. Von Reschen aus ging es am See entlang weiter Richtung Süden. Über die Schwemmböden fuhren wir am Haidersee vorbei, wo sich unsere kleine Reisegruppe aufteilte.

Tim, Peter und Leo entschieden sich für die sportliche Variante und setzten ihre Fahrt bis Glurns fort. Marc, Mr. Wade und ich hingegen hatten andere Prioritäten: Wir wollten einkehren und die Runde kulinarisch etwas aufwerten.

Nach einem hervorragenden Kaffee- und Kuchenstopp am Seeufer setzten wir unsere Fahrt in Richtung Rescher Alm fort. Marc hatte inzwischen allerdings mit einem kleinen technischen Handicap zu kämpfen: Sein Di2-Akku war leer. Als Singlespeeder war er damit zwar nicht völlig aus dem Rennen, aber die Schaltung hatte sich eine unvorhergesehene Pause genommen. Mit etwas mehr Einsatz als ursprünglich geplant erreichten wir am frühen Nachmittag die Rescher Alm. Dort warteten eine tolle Aussicht, Buchweizentorte und Cappuccino auf uns. Eine Kombination, die den vorangegangenen Klettereinsatz zumindest emotional vollständig rechtfertigte.

Danach stand eine längere Schotterabfahrt in Richtung Reschenpass an. Und genau hier entschied sich meine Bremse, dass sie genug gearbeitet hatte. Zunächst machte sie mit lautem Quietschen auf sich aufmerksam. Im weiteren Verlauf stellte sie ihren Dienst dann praktisch vollständig ein. Die letzten Kilometer zurück nach Nauders wurden damit deutlich abenteuerlicher als vorgesehen. Während andere ihre Abfahrt genossen, war bei mir plötzlich vorausschauendes Fahren in einer ganz neuen Dimension gefragt.

Am Sonntag hieß es bereits wieder Abschied nehmen.

Mr. Wade und ich wollten uns eine kleine Abschlussrunde aber nicht nehmen lassen. Dummerweise ließ sich meine Bremse auch mit den vor Ort verfügbaren Bordmitteln nicht mehr dazu bewegen, ihren Dienst wieder aufzunehmen. Der Plan einer entspannten letzten Gravelrunde war damit erst einmal vom Tisch.

Glücklicherweise waren die Jungs von Bike Ahead Composites zur Stelle und boten uns kurzerhand ihr 32-Zoll-Hardtail sowie ein 29er Enduro für einen Vergleichstest an. Aus der geplanten Abschiedsrunde wurde damit eine ganz andere Geschichte. Wie sich die beiden Bikes geschlagen haben und welche Eindrücke wir dabei sammeln konnten, lest ihr an anderer Stelle im Blog.

Hat die Region Nauders das Zeug zur Gravel-Destination?

Meine Antwort lautet: Ja, definitiv. Aber Gravel spricht nicht jeden Biker auf dieselbe Weise an. Um das einzuordnen, muss ich kurz erklären, aus welcher Perspektive ich auf die Sache schaue. Ich bin Mountainbiker mit Leib und Seele. Ab und zu wechsle ich die Perspektive und bin auch gerne mit dem Rennrad auf der Straße unterwegs. Gravel war für mich bislang eher ein Ausflug in ein anderes Terrain.

Und genau deshalb fand ich das Wochenende spannend. Für Mountainbiker ist die Region rund um Nauders und den Reschenpass ein echtes Paradies. Enduro mit oder ohne Liftunterstützung, ausgedehnte Touren, Marathonstrecken und sportliche Herausforderungen: Hier findet praktisch jeder seine Spielwiese. Auch auf dem Rennrad hat die Region einiges zu bieten. Pässe, lange Anstiege, abwechslungsreiche Straßen und die Möglichkeit, gleich mehrere Länder in eine Tour einzubauen, machen die Gegend zu einer attraktiven Destination.

Mit dem Gravelbike erweitert sich dieser Aktionsradius noch einmal.

Plötzlich werden Wege interessant, die für das klassische Rennrad nicht infrage kommen. Man kann Asphalt und Schotter kombinieren, kleinere Verbindungen nutzen und auch abseits der Straßen unterwegs sein. Gravel schafft hier eine Verbindung zwischen zwei Welten. Es eröffnet neue Routenmöglichkeiten und ermöglicht es, die Landschaft auf eine andere Art zu entdecken. Gerade für Rennradfahrer, die gerne einmal die Straße verlassen, ohne gleich auf ein vollwertiges Mountainbike umzusteigen, ist das ein echter Mehrwert. Auf den breiten Schotterwegen funktioniert das Gravelbike in Nauders hervorragend. Man kommt voran, kann lange Strecken zurücklegen und erlebt die Landschaft aus einer neuen Perspektive. Auch sportlich hat das Ganze seinen Reiz. Steile Anstiege können mit einer passenden Übersetzung richtig fordernd werden, und auf Abfahrten ist eine saubere Fahrtechnik durchaus gefragt.

Doch während ich auf dem Gravelbike unterwegs bin, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie mein Blick nach rechts und links wandert. Da ist dieser Weg, der in den Wald abzweigt. Dort drüben verläuft ein Trail, der vielversprechend aussieht. Und hinter der nächsten Kurve wartet vielleicht genau die Abfahrt, wegen der ich eigentlich in die Berge gefahren bin. Mit dem Gravelbike muss ich an vielen dieser Stellen passen oder mich bewusst zurückhalten. Das ist kein Fehler des Gravelbikes. Es ist schlicht nicht für dieselben Aufgaben gebaut wie ein Mountainbike. Die schmaleren Reifen, die andere Geometrie, die Lenkerform und die eingeschränktere Übersetzungsbandbreite setzen Grenzen. Auf Schotter sind diese Eigenschaften Teil des Konzepts. Sobald es technisch wird, können sie den Aktionsradius aber deutlich einschränken.

Natürlich kann man mit einem Gravelbike auch abseits der befestigten Wege unterwegs sein. Aber die Frage ist nicht nur, was technisch möglich ist. Entscheidend ist, wo das Rad seine Stärken ausspielt und wo man beginnt, Kompromisse einzugehen.

Und genau hier liegt für mich der Unterschied. Ich möchte die Abfahrt nicht nur hinter mich bringen, sondern sie genießen. Ich möchte nicht an einem interessanten Abzweig überlegen müssen, ob mein Bike dafür noch geeignet ist. Ich möchte möglichst wenige Grenzen zwischen mir, meinem Bike und dem Gelände spüren.
Das Gravelbike kann das nicht in gleicher Weise leisten. Dafür ist es auch nicht gedacht.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Wochenende: Gravel und Mountainbike konkurrieren nicht zwangsläufig miteinander.

Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Das Gravelbike verbindet Straßen und Schotterwege, erschließt neue Strecken und lädt dazu ein, eine Region über längere Distanzen zu entdecken. Wer gerne Kilometer sammelt, unterschiedliche Untergründe kombiniert und dabei sportlich unterwegs sein möchte, findet darin eine reizvolle Spielart des Radfahrens.

Das Mountainbike dagegen eröffnet mir mehr Möglichkeiten im Gelände. Es macht aus einem Weg eine Herausforderung, aus einer Abfahrt ein Erlebnis und aus der Landschaft eine Spielwiese. Gerade in einer Region wie Nauders, die mit ihren Trails und Höhenmetern so viel zu bieten hat, ist das für mich ein entscheidender Vorteil.

Natürlich gibt es Überschneidungen. Mit dem Mountainbike kann man hervorragend lange Touren fahren, und mit dem Gravelbike lassen sich durchaus anspruchsvolle Strecken bewältigen. Die Grenzen sind nicht immer scharf gezogen. Aber die jeweilige Ausrichtung bleibt spürbar.

Deshalb würde ich auch nicht sagen, dass Gravel in Nauders weniger sinnvoll ist als Mountainbiken. Es ist einfach ein anderer Zugang zur Region. Wer die großen Schotterwege, die aussichtsreichen Verbindungen und die langen Routen schätzt, wird hier jede Menge Freude haben. Wer dagegen möglichst viele Trails fahren möchte, dürfte mit einem Mountainbike besser bedient sein.

Die Golden Gravel Days haben mir gezeigt, dass die Region Nauders und Reschen durchaus Gravelpotenzial besitzt. Es gibt genügend Schotterwege, landschaftlich reizvolle Verbindungen und sportliche Herausforderungen, um abwechslungsreiche Touren zusammenzustellen. Gravel ist hier keineswegs ein Fremdkörper. Es erweitert die Möglichkeiten, die Region zu erkunden, und bietet eine spannende Alternative zu den etablierten Spielarten des Radfahrens.

Für mich persönlich bleibt die Sache dennoch eindeutig: Wenn ich nach Nauders fahre, möchte ich auf die Trails. Ich möchte Enduro fahren, Höhenmeter sammeln und die Möglichkeiten nutzen, die diese Region Mountainbikern bietet.

Nauders ist für mich eine Mountainbike-Region mit Gravelpotenzial. Und ich werde auch künftig vor allem wegen der Trails zurückkommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert