Zwischen den Weihnachtstagen lief das Training plötzlich wieder erstaunlich leicht. Ich war viele Stunden draußen auf dem Rad unterwegs – im Schnee. Für mich eher ungewöhnlich. Hier schneit es selten, und normalerweise bin ich eher eine Frostbeule. Trotzdem habe ich es geliebt. Die Ruhe, die Kälte, das gleichmäßige Treten. Das strukturierte Training fühlte sich wieder nach Freiheit an, nicht nach Organisation.

Seit Anfang der Woche fordert mich der Arbeitsalltag wieder voll. Verantwortung, Termine, Entscheidungen. Ich versuche, alles unter einen Hut zu bekommen. Körperlich fühle ich mich voll einsatzfähig – und freue mich auf die kommende Saison. 

Die Wechseljahre melden sich parallel ebenfalls – Schwitzen wird anders bewertet, Belastung fühlt sich manchmal unberechenbarer an. Auch das gehört gerade dazu.

Aktuelle Zahlen 

Nach meinem letzten Beitrag über JOIN ist einige Zeit vergangen. Laut App habe ich inzwischen 30 Trainingseinheiten mit insgesamt 30 Stunden und 2 Minuten absolviert. Mein FTP soll sich um 7 Watt erhöht, mein Niveau-Level um 2,5 Punkte verbessert haben. Der Fortschritt liegt laut Anzeige bei 55 %.

Was diese Zahlen konkret bedeuten, bleibt für mich allerdings offen. Und genau an diesem Punkt begann ich, JOIN zunehmend kritisch zu betrachten. Denn je länger ich mit der App arbeite, desto klarer wird mir:
Zunehmend wird JOIN für mich nur bedingt geeignet. Teilweise hängt das mit der User Experience (UX) und auch mit Trainingsplanung und -auswertung zusammen. Wie ich genau darauf komme, erfahrt ihr im weiteren Verlauf: 

Freiheit ohne Konsequenz – und warum sie mich verunsichert

JOIN lebt von maximaler Flexibilität. Trainingseinheiten lassen sich jederzeit verschieben, kürzen oder ausfallen lassen. Für einen Alltag mit Arbeit, Haushalt, Familie und weiteren Hobbys wirkt das zunächst entlastend. Doch genau diese Freiheit sorgt bei mir zunehmend für Unsicherheit.

Für Menschen ohne sportliches Hintergrundwissen ist kaum nachvollziehbar, ob permanente Umplanung neutral, sinnvoll oder langfristig kontraproduktiv ist. Mich verunsichert sie aufgrund sportlichen Grundwissens stark. Ich beginne zu zweifeln, was trainingslogisch richtig ist und ob ich meinem Ziel tatsächlich näherkomme – oder mich durch ständiges Anpassen selbst ausbremse.

JOIN bewertet jede Veränderung als unproblematisch und passt einfach an – ohne Rückmeldung, ohne Einordnung, ohne spürbare Konsequenz. Die Frage, die bleibt: Handle ich gerade klug – oder nur bequem?

Motivation ohne Reibung – brauche ich mehr Ehrlichkeit?

JOIN ist freundlich. Sehr freundlich. Für mich sogar zu freundlich. Ich brauche keine App, die mir signalisiert, dass alles gut läuft. Ich brauche eine, die mir sagt, wenn etwas nicht zielführend ist. Motivation entsteht für mich nicht durch Harmonie, sondern durch Klarheit.

Zwar gibt es einen Feedback-Mechanismus, doch er bleibt aus meiner Sicht nicht differenziert genug. Ich kann nicht konkret rückmelden, ob ein Training zu leicht war, mental zäh, inhaltlich wenig hilfreich oder schlicht nicht passend. Für eine wirklich adaptive Trainingssteuerung fehlt mir diese Tiefe.

Wenn Trainingslogik und App-Logik auseinanderlaufen

Ein Beispiel aus meinem Lauftraining: Zwei Einheiten fallen wetterbedingt aus. Keine Krankheit, keine Erschöpfung, kein Leistungsabfall. Der nächste Vorschlag startet wieder bei 16 Minuten. Aus trainingslogischer Sicht fühlt sich das nicht schlüssig an. Zwei ausgelassene Reize rechtfertigen keinen so deutlichen Rückschritt. Für jemanden, der Trainingsprinzipien wie Progression und Anpassung kennt, wirkt das eher übervorsichtig als sinnvoll.

Warm-up und Cool-down 

Oft startet das Training direkt bei etwa 110 Watt und 90er Kadenz, bleibt dort konstant und endet abrupt. Ein Warm-up oder Cool-down mit Progression, bzw. Rückführung der Belastung vermisse ich hier sehr. 

Aus meiner Sicht ist das problematisch. Warm-ups bereiten Muskeln und Nervensystem vor, Cool-downs unterstützen Regeneration und Rückregulation. Gerade bei regelmäßigem Training sind diese Phasen für mich keine Nebensache. Ich merke, dass ich mich die ersten 10 Minuten eines Training häufig schwer tue. Dass JOIN hier darauf verzichtet, passt für mich nicht zu einem Anspruch auf nachhaltige Leistungsentwicklung.

Pausentage und Lebensrealität

Ein weiteres Thema: die Pausentage. Bei mir landen sie häufig am Sonntag – genau an dem Tag, an dem ich am meisten Zeit für Sport hätte. Einen festen Pausentag kann ich leider nicht definieren. Stattdessen muss ich über die Verfügbarkeiten die Woche „durchspielen“, bis wieder Training vorgeschlagen wird. Das empfinde ich als unnötig kompliziert und wenig alltagsnah. Ich habe mir angewöhnt, an diesen Sonntagen mein Krafttraining zu absolvieren. 

Körpergefühl versus Algorithmus

JOIN definiert die Trainingsbereitschaft über die Parameter „Erholungswert” und „Muskelkater“. Die Einschätzung von Muskelkater liegt bei mir fast nie richtig. Positiv ist, dass ich das manuell anpassen kann. Gleichzeitig zeigt sich hier sehr deutlich die Grenze algorithmischer Bewertung. Mein Körpergefühl und die App liegen oft weit auseinander – und mir bleibt unklar, wie stark meine Korrekturen tatsächlich in die weitere Planung einfließen.

Fortschritt ohne Erklärung bleibt abstrakt – UX-Perspektive

FTP +7 Watt
Niveau-Level +2,5 Punkte
Fortschritt: 55 %

Das klingt gut. Aber:

  • Wann wurde gemessen?
  • Auf welcher Grundlage?
  • Wann ist der nächste Leistungstest geplant?

Aus UX-Sicht wäre es extrem hilfreich, wenn zentrale Kennzahlen direkt anklickbar wären – mit weiterführenden Informationen wie Definitionen, Berechnungslogik oder zeitlichem Verlauf, ähnlich wie bei Garmin oder TrainingPeaks. Ein klar sichtbarer Hilfebereich oder ein direkter Weg zum Handbuch wären ebenfalls sehr nützlich. Daten ohne Kontext bleiben ungenutzt – gerade für Nutzer:innen mit Trainingsgrundwissen ist dies verschenktes Potenzial.

Für wen JOIN aus meiner Sicht sehr gut geeignet ist

Bei aller Kritik sage ich ganz klar: JOIN macht vieles richtig – und für viele Menschen sogar ausgesprochen gut.

Aus meiner Sicht eignet sich JOIN besonders für Menschen,

  • die wenig Zeit haben und dennoch regelmäßig trainieren möchten
  • die sich nicht intensiv mit Trainingssteuerung beschäftigen wollen
  • die froh sind, wenn Training geplant und angepasst wird
  • die Flexibilität als Entlastung empfinden
  • die Training eher als stabilisierende Routine sehen

Gerade für Einsteiger:innen, Wiedereinsteiger:innen oder stark eingespanntes Publikum kann JOIN ein hervorragendes Tool sein. Die App senkt Hürden, nimmt Druck raus und sorgt dafür, dass Bewegung überhaupt stattfindet – und das ist ein enormer Wert.

Mein Fazit 

JOIN ist ein starkes Tool für Struktur, Motivation und Alltagsintegration. Für mich persönlich fehlen jedoch Konsequenz, Transparenz und ehrliche Rückmeldung. Das bedeutet nicht, dass JOIN schlecht ist. Es bedeutet vielleicht nur, dass mein Anspruch und das Konzept der App nicht vollständig zusammenpassen.

Für die kommenden Wochen mit JOIN bin ich neugierig und gespannt, wie sich mein Training weiterentwickeln wird. Besonders interessiert mich, welche Erkenntnisse ein neuer FTP-Test liefern wird und ob die Fortschritte, die ich bisher spüre, sich auch in messbaren Leistungswerten widerspiegeln. Ich freue mich darauf, die nächsten Einheiten auszuprobieren, meine Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, wohin mich die Kombination aus Flexibilität, Struktur und eigenem Einsatz noch führen wird.

Wie erlebt ihr JOIN? Fühlt ihr euch sicher durch die Flexibilität – oder eher verunsichert?
Habt ihr das Gefühl, eure Ziele klar im Blick zu behalten?

Ich freue mich auf eure Erfahrungen, Einschätzungen, Tipps und gern auch auf Widerspruch.

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